Anna Katharina Hahn hat ein scharfes Auge für soziale Milieus und für die rührend verzweifelten Versuche ihrer Mitglieder, nicht völlig in den Gruppeneigenschaften ihrer Peergroup aufzugehen. Mit ihrem Debütroman Kürzere Tage über Akademiker mit Kindern auf der Waldorfschule und SUVs auf Stuttgarter Halbhöhenlage landete sie auch deswegen einen großen Erfolg, weil sie das Leben ihrer Leser so herrlich bösartig aufgespießt hatte: Nichts lieben finanziell konsolidierte Bildungsbürger mehr, als ihre Lebensform auf geistreiche Art verspottet zu sehen.

Anna Katharina Hahns neuer Roman Das Kleid meiner Mutter spielt in Spanien. Auch hier ist Hahns sprachlicher Zugriff auf eine soziologisch scharf umrissene Gegenwart wieder sehr gekonnt: Es ist das Spanien nach dem Platzen der Immobilienblase, eine lost generation wächst heran, die akademische Abschlüsse, aber keine Arbeit hat, weshalb sie immer noch unterm Dach ihrer Eltern haust.

Als Anita eines Tages nach Hause zurückkehrt, liegen ihre Eltern tot im Bett. Weil sie von deren Geld lebt, verheimlicht sie ihr Ableben und schlüpft in die Kleider der Mutter. Eine SMS auf deren Handy setzt sie auf die Spur des geheimnisvollen deutschen Schriftstellers Gert De Ruit, dessen Geliebte die Mutter gewesen sein muss.

Hier nun wird Das Kleid meiner Mutter sowohl zum Künstlerroman als auch zum fantastischen romantischen Nachtstück – leider tut das dem Buch nicht gut. Was leichtfüßig begann, wird schwer prätentiös: Es ist, als wolle Anna Katharina Hahn den braven, konventionellen Realismus der deutschen Gegenwartsliteratur (und damit auch das, was sie selber so gut kann) hinter sich lassen, um in eine Dimension künstlerisch-existenzieller Radikalität vorzudringen – aber das kann sie leider weniger gut, weshalb sie mit heilig-ernster Verwegenheit viel falsches Pathos produziert. Alles hängt nun an dieser Künstlerprojektion De Ruit, einer Figur, die an den Schriftsteller Arcimboldi aus Roberto Bolanos 2666 erinnert: Wie Pynchon ist De Ruit ein großer Unbekannter, der keine Interviews gibt, weil er die Mediokrität des Literaturbetriebs verachtet. Während er in der Gruppe 47 einst abgeblitzt war, erlebte er seinen Durchbruch seit den neunziger Jahren in Spanien, mittlerweile ist De Ruit ein weltweites literarisches Erdbeben. So wird behauptet.

Das Problem des Künstlerromans ist immer: Wie kann man die Größe des Künstlers nicht nur behaupten, sondern zeigen und beglaubigen? Daran scheitert Hahns Roman so kolossal, dass er, der so leichtfüßig anfing, schließlich im reinsten Erhabenheitskitsch einer negativen Ästhetik untergeht: Alles, was auf Stuttgarter Halbhöhenlage fehlt, muss De Ruit schultern: Unbotmäßigkeit, Unkonventionalität, naturhafte Obszönität, Gewalt und wilde Freigeistigkeit – das alles aber als Reaktion auf De Ruits biografisches Trauma, Sohn eines Nazi-Wissenschaftlers zu sein. Anna Katharina Hahns De Ruit wirkt wie ein mittelmäßiges Möchtegerngenie, ein Poser, der den Bürgerschreck markiert – vor dem sich aber die implizite Kunstreligion des Romans verbeugt wie die Bürgertochter, die sich in den Knasti verliebt. Die Kostproben aus De Ruits Werk sind mithin saurer Avantgarde-Kitsch.

Anna Katharina Hahn: Das Kleid meiner Mutter.
Roman; Suhrkamp Verlag, Berlin 2016; 311 S., 21,95 €