Schatzi ist ein bisschen in den Hintergrund geraten. Bis vor Kurzem war "Schatzi" (eine dem Bild-Herausgeber Kai Diekmann nachempfundene Kunstfigur in der Rolle des widersprüchlichen Helden) so was wie der Schlüssellochappeal der Unterhaltungsprosa seiner Ehefrau Katja Kessler. Schatzi als tatenhungriger und ergebnisoffener Hobbyhandwerker. Schatzi als Opfer seines Kunstgeschmacks. Schatzi als norwegischer Holzfäller im Silicon Valley – das alles war schon lustig. Nun kommt Schatzi in Katja Kesslers neuem Buch Das muss Liebe sein durchaus noch vor. Nach wie vor erläutert die Autorin am Beispiel von Schatzi den Typus des modernen Mannes, der zur großen Jagd aufbricht und sich im nächsten Stadtpark verliefe, wenn keine Frau dabei wäre. Nur nimmt Schatzi, dieser viel Nachsicht erfordernde Chaot, nicht mehr die Position einer Haupt-, sondern die einer Nebenfigur ein.

Was ist mit Schatzi passiert? Nichts Besonderes. Er hat sich den Holzfällerbart abrasiert und hängt, nach Meinung seiner Ehefrau, immer noch seltsame Bilder an die Wände der Familienvilla. Denkbar wäre, dass mit Katja Kessler oder mit ihren literarischen Ambitionen etwas passiert ist. In Das muss Liebe sein befasst sie sich mit der Institution Ehe. Selbstverständlich gibt es jene schrillen Kurzsätze, schrägen Pointen, respektlosen Frechheiten und slapstickartigen Anekdoten aus dem Erfahrungsschatz der vierfachen Mutter, die es bei Kessler immer gab. Selbstverständlich formuliert sie in der ihr eigenen, sehr hochtourigen Munterkeit. Aber unter dem stilistischen Zuckerguss steckt ein geduldig recherchiertes, materialreiches und solides Sachbuch, dessen Fragen dieselben sind, mit denen sich Sozialwissenschaftler auch befassen: Was lässt sich zur Verteidigung einer Institution ins Feld führen, deren ideales Versprechen an desillusionierenden Scheidungsraten zu zerschellen scheint? Ist Monogamie die Voraussetzung einer langlebigen Ehe? Halten Kinder die Ehe zusammen, oder sind sie der Anlass ehelicher Entfremdung im Alltagstrott? Macht das Zweiermodell glücklicher als das Singlemodell, und wenn ja, warum? Wie lässt sich der Individualisierungsdruck der Moderne zwischen Küche und Schlafzimmer ventilieren?

Nun zählt Katja Kessler zur Spezies der Ratgebenden. Ihre 54 ½ Pflegetipps für die glückliche Ehe, so der Untertitel des Buches, sind nicht dessen spannendster Teil. Und da sie es, offensichtlich mit Überzeugung und Begeisterung, seit eineinhalb Jahrzehnten mit Schatzi aushält, ist ihr Plädoyer für die monogame Ehe keine so große Überraschung. Dass Schatzi ein bisschen in den Hintergrund geraten ist, hat nur damit zu tun, dass die literarischen Interessen Katja Kesslers über den Schlüssellochappeal hinausgewachsen sind. Ja Schatzi, so ist das, wenn man eine schlaue Frau geheiratet hat.