Zart sieht sie aus, die Gestalt da im Gegenlicht zwischen den hohen, schweren Flügeln der Eingangstür im dritten Stock. Es ist dunkel in diesem weitläufigen Schöneberger Treppenhaus; sofort denkt der Besucher hier an Moskauer oder Petersburger Paläste, deren adlige Gemächer zu Sowjetzeiten in die legendär berüchtigten Kommunalkas für nunmehr Dutzende Mieter verwandelt worden waren. Wenn sich jetzt eine neugierige Bulgakow-Figur über das Treppengeländer zu uns beugte, würde das niemanden verwundern. Wir sind zwar mitten in Berlin, aber hier wohnt der russische Geist. Das war in dieser Gegend in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gar nicht ungewöhnlich: Wo heute das schwule Herz der Stadt schlägt, fanden damals die russischen Flüchtlinge aus Lenins rotem Reich eine Bleibe.

Mit forschendem Blick bittet Julia Kissina hinein in ihr Atelier. Flaschengrüner Rock und ebensolche Ohrringe korrespondieren mit den Augen, ihre Schönheit erinnert an die einer Balletttänzerin, aber jetzt besser Vorsicht: Es wäre unter diesen kühlen Augen mit den markanten Brauen äußerst anstrengend, sich aus solchen einmal artikulierten Klischeefallen gesprächsweise je wieder herauszulavieren. Zumal die Hausherrin vor vielen Jahren eine Erzählung schrieb, in der eine Fotografin über sich selbst sagt: "Ich war schön. Ich bin es jetzt und werde es sein, selbst wenn das Alter mein Äußeres mit einem unbarmherzigen Schleier überzieht." Nur um fortzufahren: "Aber das ist ja langweilig. Genug davon."

In diesem Sinne bestaunt man sicherheitshalber lieber die über vier Meter hohen Altbauwände in Julia Kissinas Küche, an denen fremde oder eigene Werke hängen. Darunter ziemlich riesig über der Kommode Centaurus, eine 1998 entstandene, faszinierende Fotoarbeit mit einem schwarzen Mädchen, dessen Arme in einer Strumpfhose stecken. Julia Kissina ist selbst ein fabelhaftes Mischwesen: halb eine international agierende Künstlerin, mit einem Werk aus Installationen, Fotografien und Performances; zur anderen Hälfte eine der eigenwilligsten russischen Schriftstellerinnen unserer Gegenwart. Wobei die Kategorie "russisch" noch zu besprechen sein wird. Immerhin stehen Matrjoschka-Puppen ziemlich ironisch auf der Anrichte, neben einem üppigen Rosenstrauß.

"Ich habe etwas Schreckliches getan: Ich habe mein Hitlergedicht gelesen!"

Um Julia Kissinas neuen Roman Elephantinas Moskauer Jahre soll es gehen, aber zuvor: Wie um alles in der Welt funktioniert das überhaupt beides zusammen, die künstlerische Arbeit und die Schriftstellerei, sind das nicht völlig unterschiedliche Tätigkeiten? Ist die Frage zu langweilig? Jedenfalls ermüdet Kissinas Blick schlagartig. "Das verträgt sich sehr gut miteinander. Ich finde gerade diese Unterschiedlichkeit stabilisierend." Vorsorglich fällt ihr gleich danach etwas Interessanteres ein; ihre Stimme senkt sich verschwörerisch, als sie mit angenehmem Akzent und russisch rollendem R von ihrer Lesung neulich erzählt: "Ich habe etwas Schreckliches getan: Ich habe mein Hitlergedicht gelesen!" Das klingt russisch ja immer wie Hiehtlehrr, was an sich schon lustig ist; das Video ihrer Lesung mit hitlerisch rollendem R ist es ebenfalls. Blitzschnell assoziiert Julia Kissina weiter, so wie es für diese Intellektuelle typisch ist: Worte und Sätze werden von ihr scheinbar automatisch unorthodox verschaltet, sodass sich neuer, origineller Sinn ergibt. Hitler habe ja Maler werden wollen, die Deutschen würden seine irregeleitete Künstlernatur leider meist ignorieren. "Wie ist ein Künstler denn? Er ist anders als andere! Er ist instabil, energetisch, egoistisch, souverän und inadäquat."

Das hier in der Nachmittagssonne wird womöglich ein typisches osteuropäisches Küchentischgespräch, zwar ohne den üblichen Alkohol, der von der abstinenten Gastgeberin angeboten, aber vom professionellen Besucher dankend abgelehnt wird, dafür mit schwarzem Tee, Nüssen, Rosinen und prächtigen Erdbeeren. Julia Kissina lächelt: "Ein ruhiges Leben ist eine Illusion." Sie wurde 1966 in Kiew geboren, die jüdischen Großeltern hatten noch Deutsch gesprochen, sie wuchs im dortigen Intelligenzija-Milieu auf, ganz ähnlich übrigens wie Katja Petrowskaja, die andere bekannte Kiewer Autorin in Berlin. In den achtziger Jahren erlebte Kissina die sowjetische Endzeit in unabhängigen Moskauer Künstlerkreisen, bei den sogenannten Konzeptualisten um den Schriftsteller Wladimir Sorokin, mit dem sie bis heute befreundet ist. 1990 kam sie nach Deutschland und studierte an der Münchner Akademie der Bildenden Künste, seit 2003 lebt sie in Berlin.

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Aus Berlin zieht es sie allerdings immer wieder fort. Die Wintermonate verbringt sie in New York; und seit 15 Jahren reist sie regelmäßig nach Indien: "Ich arbeite am besten im Dschungel." Sie zeigt auf dem iPad schnell ein paar paradiesische Bilder von einer Villa in Goa; ihre dort gezeichneten heiligen Kühe tauchen ebenfalls auf.

Schreibend zieht es sie hingegen ganz woandershin: in die spätsowjetische Vergangenheit. Ihr Roman Elephantinas Moskauer Jahre ist der zweite Teil einer geplanten Trilogie über jene Epoche. Der erste Teil, Frühling auf dem Mond, erschien 2013; der Roman erzählt von einem zwölfjährigen Mädchen im Kiew der siebziger Jahre, mit starken autobiografischen Bezügen: absurd komisch, verträumt surreal – eine Annäherung an Kindheit und Familie in dieser Stadt, wie es auf ganz andere Weise Katja Petrowskaja in ihrem 2014 erschienenen Buch Vielleicht Esther versucht hat. Petrowskaja schreibt jedoch auf Deutsch, Kissina, die es genauso perfekt spricht, auf Russisch.