Als der Junge am vergangenen Freitagnachmittag eine Pistole in seinen Rucksack packt, ein zweites Magazin und 300 Schuss Munition, als er zum letzten Mal sein Kinderzimmer verlässt und die Wohnungstür in München-Maxvorstadt hinter sich zuzieht, behandelt 6.500 Kilometer entfernt in Allentown, Pennsylvania, ein Psychologe gerade einen Patienten, der unter Depressionen leidet.

Als der Junge wenig später, um 17.52 Uhr Münchner Ortszeit, den ersten Menschen tötet, hat der amerikanische Psychologe gerade seine Praxis verlassen, um wie jeden Tag mit seiner Frau zu Mittag zu essen.

Als in der Nacht von Freitag auf Samstag vermummte Beamte der Eliteeinheit GSG 9 die Wohnung in München-Maxvorstadt aufbrechen und die Ermittler in einem Korb zwischen schmutziger Wäsche das Buch Amok im Kopf. Warum Schüler töten finden, sitzt der Psychologe mit seiner Familie im Theater. Am nächsten Morgen wird Peter Langman mit den Nachrichten aus München wach, und er begreift, dass sein Buch, 334 Seiten, 505 Gramm Papier, ihn für immer mit dem Jungen aus Bayern verbinden wird. Und dass es womöglich als Blaupause für dessen Amoklauf diente.

DIE ZEIT: Herr Langman, was haben Sie gedacht, als Sie erfuhren, dass der Amokläufer von München offenbar Ihr Buch gelesen hatte?

Peter Langman: Es war verstörend, auch wenn es schon das zweite Mal war, dass das passiert.

ZEIT: Wann war das erste Mal?

Langman: 2013 erschoss ein Schüler in Colorado eine Mitschülerin und dann sich selbst. Ich ging danach für meine Forschungen mehr als 2.000 Seiten Polizeiakten zu dem Fall durch und entdeckte plötzlich meinen Namen. Der Täter hatte mein Buch auf sein Tablet runtergeladen. Es war ein Schock.

Peter Langman schreibt Bücher, um Amokläufe zu verhindern. Seit fast zwanzig Jahren arbeitet er dagegen an, dass Menschen wie der Junge aus München den letzten Schritt gehen. Dagegen, dass sie bewaffnet in Einkaufszentren eindringen oder in Schulen, um erst andere und am Ende meist sich selbst umzubringen. Der Psychologe versucht zu verstehen, was diese Täter antreibt. Er hat Zehntausende Dokumente durchkämmt: Tagebucheinträge, Schulaufsätze, Gesprächsprotokolle, und darin die Signale der Wut gesucht, der Verzweiflung, des Hasses. Seine Ergebnisse hat Langman in seinem Buch zusammengetragen. Es ist ein Standardwerk, übersetzt in mehrere Sprachen, tausendfach zitiert in Fachartikeln.

Für dieses Dossier haben wir ein langes Telefongespräch mit Langman geführt. Langman, der in seiner Freizeit Gedichte über die Liebe schreibt und Musicals, in denen sich Kinder mit Aliens anfreunden, scheint ein leiser Mensch zu sein. Trotzdem sitzt er häufig in amerikanischen Talkshows: ein schlanker Mann in zu großem Jackett und mit einer rechteckigen Brille. Langman wird immer dann eingeladen, wenn die Menschen wieder einmal dringend begreifen wollen, was sie nicht begreifen können: wie es zu so einem Amoklauf kommen kann. Mit sanfter Stimme, den Kopf zur Seite geneigt, erzählt Langman von seinen Studien, gibt Empfehlungen. Seine Erkenntnisse haben es bis ins Weiße Haus geschafft, ins Oval Office, auf den Schreibtisch von Präsident Barack Obama.

Anschläge in Deutschland - "Täter haben in der Regel keine psychische Störung"

Es scheint in diesen Tagen, als gebe es auch in Deutschland großen Bedarf an Erklärungen dafür, wie Gewalt plötzlich hervorbrechen kann, scheinbar aus dem Nichts. Das Land ist von Angst erfasst: Der Amoklauf von München ordnet sich ein in eine Reihe ähnlich brutaler Taten. So traurig es ist, dieser Amoklauf ist nur Teil eines viel größeren Katalogs der Gewalt:

Da war der 17-jährige Flüchtling aus Afghanistan, der am 18. Juli in der Regionalbahn 58130 zwischen Treuchtlingen und Würzburg "Allahu Akbar" brüllte und mit einer Axt zuerst auf Fahrgäste losging und dann auf Polizisten, die ihn schließlich erschossen.

Da war der 18-jährige David S., den alle nur Ali nannten, jener Schüler aus München, der am vergangenen Freitag neun Menschen tötete und danach sich selbst.

Da war der 21-jährige Syrer, der zwei Tage später in Reutlingen auf offener Straße seine Geliebte mit einem Messer erstach.

Und da war der 27-jährige Mann aus Aleppo, der sich einige Stunden später in Ansbach vor dem Eingang zu einem Musikfestival in die Luft sprengte, im Namen der Terrororganisation, die sich selbst "Islamischer Staat"nennt.