Warum es nicht aufhört – Seite 1

Als der Junge am vergangenen Freitagnachmittag eine Pistole in seinen Rucksack packt, ein zweites Magazin und 300 Schuss Munition, als er zum letzten Mal sein Kinderzimmer verlässt und die Wohnungstür in München-Maxvorstadt hinter sich zuzieht, behandelt 6.500 Kilometer entfernt in Allentown, Pennsylvania, ein Psychologe gerade einen Patienten, der unter Depressionen leidet.

Als der Junge wenig später, um 17.52 Uhr Münchner Ortszeit, den ersten Menschen tötet, hat der amerikanische Psychologe gerade seine Praxis verlassen, um wie jeden Tag mit seiner Frau zu Mittag zu essen.

Als in der Nacht von Freitag auf Samstag vermummte Beamte der Eliteeinheit GSG 9 die Wohnung in München-Maxvorstadt aufbrechen und die Ermittler in einem Korb zwischen schmutziger Wäsche das Buch Amok im Kopf. Warum Schüler töten finden, sitzt der Psychologe mit seiner Familie im Theater. Am nächsten Morgen wird Peter Langman mit den Nachrichten aus München wach, und er begreift, dass sein Buch, 334 Seiten, 505 Gramm Papier, ihn für immer mit dem Jungen aus Bayern verbinden wird. Und dass es womöglich als Blaupause für dessen Amoklauf diente.

DIE ZEIT: Herr Langman, was haben Sie gedacht, als Sie erfuhren, dass der Amokläufer von München offenbar Ihr Buch gelesen hatte?

Peter Langman: Es war verstörend, auch wenn es schon das zweite Mal war, dass das passiert.

ZEIT: Wann war das erste Mal?

Langman: 2013 erschoss ein Schüler in Colorado eine Mitschülerin und dann sich selbst. Ich ging danach für meine Forschungen mehr als 2.000 Seiten Polizeiakten zu dem Fall durch und entdeckte plötzlich meinen Namen. Der Täter hatte mein Buch auf sein Tablet runtergeladen. Es war ein Schock.

Peter Langman schreibt Bücher, um Amokläufe zu verhindern. Seit fast zwanzig Jahren arbeitet er dagegen an, dass Menschen wie der Junge aus München den letzten Schritt gehen. Dagegen, dass sie bewaffnet in Einkaufszentren eindringen oder in Schulen, um erst andere und am Ende meist sich selbst umzubringen. Der Psychologe versucht zu verstehen, was diese Täter antreibt. Er hat Zehntausende Dokumente durchkämmt: Tagebucheinträge, Schulaufsätze, Gesprächsprotokolle, und darin die Signale der Wut gesucht, der Verzweiflung, des Hasses. Seine Ergebnisse hat Langman in seinem Buch zusammengetragen. Es ist ein Standardwerk, übersetzt in mehrere Sprachen, tausendfach zitiert in Fachartikeln.

Für dieses Dossier haben wir ein langes Telefongespräch mit Langman geführt. Langman, der in seiner Freizeit Gedichte über die Liebe schreibt und Musicals, in denen sich Kinder mit Aliens anfreunden, scheint ein leiser Mensch zu sein. Trotzdem sitzt er häufig in amerikanischen Talkshows: ein schlanker Mann in zu großem Jackett und mit einer rechteckigen Brille. Langman wird immer dann eingeladen, wenn die Menschen wieder einmal dringend begreifen wollen, was sie nicht begreifen können: wie es zu so einem Amoklauf kommen kann. Mit sanfter Stimme, den Kopf zur Seite geneigt, erzählt Langman von seinen Studien, gibt Empfehlungen. Seine Erkenntnisse haben es bis ins Weiße Haus geschafft, ins Oval Office, auf den Schreibtisch von Präsident Barack Obama.

Anschläge in Deutschland - "Täter haben in der Regel keine psychische Störung"

Es scheint in diesen Tagen, als gebe es auch in Deutschland großen Bedarf an Erklärungen dafür, wie Gewalt plötzlich hervorbrechen kann, scheinbar aus dem Nichts. Das Land ist von Angst erfasst: Der Amoklauf von München ordnet sich ein in eine Reihe ähnlich brutaler Taten. So traurig es ist, dieser Amoklauf ist nur Teil eines viel größeren Katalogs der Gewalt:

Da war der 17-jährige Flüchtling aus Afghanistan, der am 18. Juli in der Regionalbahn 58130 zwischen Treuchtlingen und Würzburg "Allahu Akbar" brüllte und mit einer Axt zuerst auf Fahrgäste losging und dann auf Polizisten, die ihn schließlich erschossen.

Da war der 18-jährige David S., den alle nur Ali nannten, jener Schüler aus München, der am vergangenen Freitag neun Menschen tötete und danach sich selbst.

Da war der 21-jährige Syrer, der zwei Tage später in Reutlingen auf offener Straße seine Geliebte mit einem Messer erstach.

Und da war der 27-jährige Mann aus Aleppo, der sich einige Stunden später in Ansbach vor dem Eingang zu einem Musikfestival in die Luft sprengte, im Namen der Terrororganisation, die sich selbst "Islamischer Staat"nennt.

"Oft spielen Depressionen eine Rolle"

Wenig scheint diese Taten auf den ersten Blick zu verbinden, wenig außer der ziellos nach außen gerichteten Gewalt. Ali in München: ein klassischer Amokläufer. Der Angreifer von Ansbach: ein klassischer Selbstmordattentäter, der sich offenbar dazu entschlossen hat, eine fränkische Fachwerkidylle zum Schauplatz jenes Krieges zu machen, den der IS in die Welt getragen hat.

In München Amok, in Ansbach Terror. Hier die blinde Wut, dort das politisch-religiöse Heil. Hier die verlorenen Seelen aus unserer Mitte, dort die fanatisierten Fremden. Das sind die Kategorien, in die solche Taten üblicherweise eingeordnet werden. Doch die Grenzen verwischen.

Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach: An jedem dieser vier Orte war es ein junger Mann, der sich auf seine Weise als Außenseiter fühlte, als Gescheiterter und Nicht-Gewollter. Und so beging auch jeder von ihnen seine Taten: allein. So wie es derzeit aussieht, war fast jeder dieser Männer psychisch auffällig, jeder hatte mit Ärzten zu tun und mit den Dämonen der Depression zu kämpfen.

Vielleicht muss sich die Gesellschaft in Zeiten wie diesen den nüchternen Blick der Psychologen und Kriminologen antrainieren. Es ist ein Blick, den man aushalten muss, denn er macht vor den eigenen Denkgewohnheiten und Vorurteilen nicht halt. Vielleicht hat ein Mann wie Peter Langman, der Experte für die inneren Abgründe, auch etwas zu den Taten zu sagen, die wir Terror nennen.

ZEIT: Herr Langman, was treibt diese Menschen, warum wollen sie töten?

Langman: Das ist die Frage, auf die jeder eine Antwort will. Und eine möglichst einfache. Nach meiner Erfahrung gibt es die nicht, nie. Wenn ich Fernsehinterviews gebe, dann wollen die immer, dass ich ihnen in zwei Minuten alles erkläre. Das geht nicht. Bei Amokläufern kommen immer viele Dinge zusammen. Oft spielen Depressionen, Videospiele und Mobbing eine Rolle. Aber sie sind nur Puzzleteile einer Erklärung. Manchmal kommt Neid dazu. Nehmen wir jemanden, der schüchtern ist, ängstlich, unsicher. Jemand, der nicht viele Freunde hat, der sieht ja, wie die anderen auftreten. Die anderen Jugendlichen kommen ihm glücklich vor, sie haben Freunde. Sie leben das Leben, das er selbst sich so sehnlichst wünscht. In diesem Fall tötet ein Angreifer jene Jugendlichen, die er am meisten beneidet. Andere Täter sind traumatisiert. Oder werden stark gemobbt. Was davon auf Ali zutraf? Aus der Ferne kann ich das nicht beurteilen. Ich müsste viel mehr über ihn wissen.

Amokläufer verüben ihre Taten in der Regel an Orten, an denen sie gedemütigt wurden, an denen sie sich machtlos und ausgeschlossen fühlten. Ali hatte zweimal in seinem Leben Anzeige erstattet, einmal, weil er verprügelt, einmal, weil er bestohlen worden sei. War er ein Opfer, bevor er zum Täter wurde?

Bevor Alis Familie in die Maxvorstadt zog, wohnte sie in Moosach. Ein Stadtteil im Münchner Norden: fünfstöckige Wohnblocks, Normalität in Hellgelb und Orange. Vor den Türen: Kinderfahrräder und Cityroller. Zwischen den Gebäuden, auf schlecht gemähten Rasenflächen, spielen Kinder Fußball. Nachbarn, die im Erdgeschoss wohnen, mit Balkon zum Rasen hin, erinnern sich, dass Ali und sein Bruder hier mit den Kindern aus dem Haus gekickt hätten. Wobei – Ali habe da oft am Rand gestanden, sportlich sei er nicht gewesen. Er sei dann an den Balkon gekommen und habe sich mit ihnen unterhalten, sagt die Nachbarin. Ehrgeizig sei er gewesen, erinnert sie sich. Manchmal sei er in die Wohnung gegangen, um zu lernen, während die anderen spielten. Ihr Mann sagt, Ali sei einer der Älteren gewesen, die Jüngeren hätten Respekt vor ihm gehabt, manchmal habe er Streit geschlichtet. Der Mann sagt: "So einen wie Ali würde ich meinem Sohn als großen Bruder wünschen." Moosach ist ein überschaubares Viertel. Nicht besonders wohlhabend. Wer hier aufwächst, der bewegt sich in einem kleinen Radius. Die Kinder spielen Fußball vorm Balkon. Die Teenager treffen sich sich vorn beim "Meggi", beim McDonald’s am Olympia-Einkaufszentrum.

Es sind nur drei Gehminuten von Alis alter Wohnung bis dorthin. Ein Weg, der an Reihenhäusern vorbeiführt und an akkurat geschnittenen Hecken, an einem Reha-Zentrum mit einem bunten Holzkrokodil am Zaun.

Dort, wo die Teenager früher Burger aßen, ist heute ein Blumenmeer, Grabkerzen und Teelichter flackern. Warum hat Ali diesen Ort ausgesucht, den Treffpunkt in Moosach?

"Viele Amokläufer fühlen sich in ihrer Männlichkeit verletzt"

Als er dort wohnte, ging Ali auf die Toni-Pfülf-Mittelschule. Vor dem Schulgebäude steht jetzt Flamur, 18, und dreht sich einen Joint. Als man ihn auf Ali anspricht, grinst er und sagt: "Der war ’ne Pfeife."

Flamur sagt, er sei in Alis Parallelklasse gewesen. Ein Jahr lang habe er Wirtschaft mit ihm gehabt, einmal sei er in einer Projektgruppe mit Ali gewesen. "Ich hab Ali die Arbeit machen lassen und hab am Computer dieses Spiel gespielt, wo man diese Kästchen anklicken muss und keine Mine treffen darf." Flamur sagt, wohl ohne etwas Besonderes daran zu finden, er habe Ali immer mal wieder geschlagen, einmal auch während des Unterrichts, mit der flachen Hand auf den Hinterkopf.

Zwei Freunde von Flamur kommen dazu, auch sie fangen an, über Ali zu reden, zu lachen. Wenn man ihnen zuhört, kann man sich nicht vorstellen, dass sie über einen ehemaligen Schulkameraden sprechen, der kurz zuvor neun Menschen und dann sich selbst erschossen hat. Sie wirken nicht, als sähen sie irgendeinen Bezug zwischen ihrem Handeln damals und der Bluttat heute. Eine Anekdote spornt zur nächsten an. Die Jungs schaukeln sich gegenseitig hoch.

"Wisst ihr noch, wie er am Anfang gestottert hat?"

"Wie er immer so behindert gelaufen ist?"

Ein Bolzplatz neben der Schule, auf die Ali früher ging. Kunstrasen, am Rand liegen Mountainbikes auf dem Boden. Auf dem Platz wird gekickt und gegrölt, auf einer Bank sitzen zwei ältere Jungs, auch sie damit beschäftigt, sich eine Tüte zu drehen. "Ey, du Mongo", sagt der eine, "Deine Mudder" der andere. Auch sie haben eine Geschichte über Ali zu erzählen. "Den haben sogar die Mädchen geschlagen", sagt der eine. Einmal sei es noch schlimmer gewesen, erinnert sich der andere. Da hätten ihn die Mädchen festgehalten und geschminkt, mit Lippenstift und Rouge und Eyeliner.

Langman: Dass Ali von Mädchen gedemütigt wurde, ist die Extremform eines Phänomens, das ich sehr häufig bei Amokläufern beobachte. Viele fühlen sich in ihrer Männlichkeit verletzt. Ich weiß nicht, wie das Männerbild in Deutschland ist, aber ich nehme mal an, es ist vergleichbar mit dem amerikanischen. Als Mann bist du körperlich stark, hart, erfolgreich im Beruf, sportlich, beliebt bei Frauen. Amokläufer sind oft außergewöhnlich klein und schwach. Sie sind sehr schlechte Sportler, manche haben eine körperliche Behinderung, und meistens hatten sie noch nie eine Freundin.

ZEIT: Sie drehen durch, weil sie nicht dem gesellschaftlichen Ideal eines Mannes entsprechen?

Langman: Genau. Hier in den USA beobachten wir oft, dass Familienangehörige von Amokläufern Soldaten sind oder Polizisten, also Berufe haben, die als sehr männlich gelten. Viele Amokläufer träumen selbst davon, solche Berufe zu ergreifen. Wenn sie daran scheitern, ist das ein harter Schlag für ihr Selbstverständnis als Mann.

ZEIT: Also greifen sie zur Waffe, um sich mal richtig stark zu fühlen?

Langman: Ja, viele Amokläufer haben vor ihrer Tat darüber geschrieben, dass sie sich das so vorstellen. Plötzlich haben sie Macht. Plötzlich bekommen sie Respekt – also das, was ihnen vorher gefehlt hat.

Seine Gewalt dient der Selbstermächtigung

Der Einzeltäter, der der Welt seine Wut entgegenschleudert, macht sich größer als alle anderen, die ihn zuvor gekränkt haben. Seine Gewalt dient der Selbstermächtigung. In Reutlingen tötete der 21-jährige Syrer Ahmed J.* am vergangenen Sonntag seine Freundin mit einem 60 Zentimeter langen Messer, bevor er auf Kollegen und Passanten losging. War auch Ahmed in seiner Männlichkeit gekränkt worden?

Noch am selben Tag, an dem der Reutlinger Täter zustach, zündete ein Syrer namens Mohammed D. knapp 200 Kilometer entfernt in Ansbach vor dem Eingang eines Musikfestivals eine Rucksackbombe. Er verletzte 15 Personen und tötete sich selbst. Nach dem Attentat wurde öffentlich, dass Mohammed D. zweimal versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Er sollte nach Bulgarien abgeschoben werden. Bei den Ermittlungen fanden die Beamten auf Mohammed D.s Handy ein Video, in dem er dem IS-Führer Abu Bakr al-Bagdadi seine Treue schwört. Noch ist unklar, wo und wie Mohammed D. sich radikalisiert hat.

Am späten Dienstagabend behauptete der IS, der Mann sei schon seit Jahren Mitglied der Organisation gewesen. Schon zu Beginn des syrischen Bürgerkrieges habe er als Mudschahed, als Gotteskrieger, gegen das Assad-Regime gekämpft, sich spezialisiert auf den Einsatz von Granaten.

Bei Aleppo habe er an Schlachten teilgenommen, sei dort auch verletzt worden, weswegen er außer Landes gebracht wurde. Von Europa aus habe er "voller Sehnsucht" danach getrachtet, wieder in Syrien zu kämpfen, aber Versuche, das Schlachtfeld zu erreichen, seien gescheitert. Deswegen der Entschluss, im "Haus des Unglaubens" zuzuschlagen. Drei Monate habe er auf den Bombenbau verwendet. In dieser Zeit sei die deutsche Polizei einmal in seiner Unterkunft gewesen, habe aber seine Pläne durch Zufall (oder Gottes Einwirken, so der IS) nicht entdeckt. Angeblich stand der Attentäter bis zuletzt in direktem Kontakt mit einem "Soldaten des Kalifats".

Die Angaben des IS waren bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe unmöglich zu verifizieren. Ganz sicher sind Teile erheblich geschönt. Aber es wäre ungewöhnlich, wenn der IS solche Informationen komplett zusammengelogen hätte.

In Ansbach war geschehen, wovor Bürger und Politiker sich seit Monaten fürchteten: der erste Selbstmordanschlag im Namen des IS auf deutschem Boden. Für Mohammed D. war sein Tod ein Superlativ, den er im Leben nicht erreichen konnte: Er war der erste, dieser Rekord ist ihm nicht mehr zu nehmen.

ZEIT: Herr Langman, der Amokläufer und der Terrorist – beide haben kein Empfinden für andere, keine Empathie; völlig unschuldige Menschen machen sie zu ihren Opfern. Sind die Terroristen, die als Einzelne losziehen, um im Namen des IS zu morden, psychologisch verwandt mit den Attentätern, die in ihrem eigenen Namen für das sorgen wollen, was sie als gerecht empfinden?

Langman: Aus psychologischer Sicht gibt es zwischen Amokläufern und vielen Terroristen, insbesondere den Einzeltätern, den lone wolfs, die wir in letzter Zeit oft sehen, kaum Unterschiede.

Sehnsucht nach ideologischer Vergrößerung

Man könnte denken, der Terrorist, gerade der islamistische, habe etwas, das dem Amokläufer fehlt: ein geschlossenes Weltbild, das ihn zu seinen Taten motiviert. Aber in Wahrheit ist der Islamismus für die meisten Einzeltäter nichts anderes als eine Art Instant-Ideologie – eine aus wenigen Schlagworten und simplen Sätzen zusammengesetzte Denkmaschine, derer die jungen Männer sich bedienen können. Sie verleiht dem Wahnsinn den billigen Anschein politisch-religiöser Rationalität: Plötzlich wird das Ausrasten zum Mittel in einem scheinbar gerechten Kampf. Und der junge Täter bekommt einen Platz in der Ahnenreihe der Radikalen: So wie er die Anschläge seiner Vorgänger studierte und darüber zum Terroristen wurde, so werden nach ihm andere junge Männer von seinem eigenen Zeugnis inspiriert sein.

Er, der Versager, ist jetzt nicht mehr einsam. Er wird ein Erbe hinterlassen. Er muss nur, wie die Täter von Würzburg und Ansbach, mit seinem Handy ein Bekennervideo drehen und es ins Netz stellen. Das ist die Bedingung, die einzige, die der IS stellt, bevor er aller Welt mitteilt: Dieser Mann handelte in unserem Namen.

Sehnsucht nach ideologischer Vergrößerung, Sehnsucht nach der Gemeinschaft der Gleichgesinnten: Amokläufer kennen genau diese Antriebe. Auch sie ordnen ihre Taten in eine Tradition ein. Als Ursprung, gleichsam als 9/11 des modernen Amoklaufs, gilt dabei das Massaker an der Columbine High School, wo im April 1999 zwei Teenager zwölf Mitschüler und einen Lehrer erschossen. Die beiden hinterließen zahlreiche Schriften und Aufnahmen, in denen sie ihre brutalen Morde als politische Aktion interpretierten: als Signal zum Aufstand aller gehänselten Außenseiter auf dieser Welt.

Der 17-Jährige, der fast zehn Jahre nach Columbine im baden-württembergischen Winnenden 15 Menschen tötete, war Mitglied in einer Online-Chat-Gruppe, in der Amokläufe wie der von Columbine gefeiert wurden.

Ali aus München wiederum fuhr extra nach Winnenden, um an der Wirkungsstätte seines Vorbildes Fotos zu machen. Ali verfasste auch ein "Manifest", wie die Täter von Columbine und wie Anders Breivik, der 2011, exakt fünf Jahre vor der Münchner Tat, auf der norwegischen Insel Utøya gemordet hatte.

Möglicherweise hat Ali sich nicht nur Anders Breivik und dem Täter von Winnenden nahe gefühlt, sondern noch einer weiteren Figur. In Peter Langmans Buch, Kapitel sieben, Seite 259 bis 263, konnte Ali über einen 14-Jährigen mit dem Pseudonym Kyle lesen, der zu Langmans Patienten gehörte. Langman arbeitete damals an einem kinderpsychiatrischen Krankenhaus in der Nähe von Allentown, als ihm ein Jugendlicher zugeteilt wurde. Ein möglicher Nachahmer, hieß es. Langman sollte entscheiden, ob Kyle tatsächlich eine Gefahr darstellte. Der Junge wurde dann mehrfach stationär behandelt. Es ging noch einmal gut.

In der Geschichte des jungen Kyle, die Langman später aufschrieb, gibt es erstaunlich viele Parallelen zu Alis Leben. Kyle, notiert Langman über seinen Patienten, war sich bewusst, "dass seine Reaktionen anders waren als die der meisten Menschen". Im Buch heißt es: "Er klagte darüber, dass er in der Schule massiv gehänselt würde, er sei nun seit sieben Jahren Mobbingopfer."

In dem mittlerweile berühmten Video, das ein Anwohner von Ali auf dem Parkdach in München-Moosach gemacht hat, sagt der Amokläufer fast wortgleich: "Wegen euch wurde ich gemobbt, sieben Jahre lang."

ZEIT: Hat sich Ali in diesem Jungen wiedererkannt, der drauf und dran war, zum Massenmörder zu werden?

Langman: Das ist möglich.

ZEIT: Hat er sich von dieser Passage in Ihrem Buch vielleicht sogar anstacheln lassen und deshalb zur Waffe gegriffen?

Langman: Vielleicht fühlte er sich so allein, dass es tatsächlich reichte, diesen einen Satz über die sieben Jahre Mobbing zu lesen.

Gewalt kann ansteckend sein

Bei Selbstmördern kennt man dieses Phänomen. Psychologen nennen es Werther-Effekt, nach Goethes berühmtem Roman aus dem 18. Jahrhundert. Er ist wohl der gefährlichste Bestseller der Literaturgeschichte. Viele Leser ahmten nach der Lektüre nach, was die verzweifelte Romanfigur Werther tat: Sie schossen sich in den Kopf. Etliche von ihnen trugen eine Art Werther-Uniform, die Kleidung, die auch im Briefroman beschrieben wird: blaue Jacke, gelbe Weste.

Der Mechanismus ist bis heute derselbe: Je mehr über einen Selbstmord berichtet wird und je detaillierter das geschieht, desto größer die Zahl der Nachahmer. Deshalb empfiehlt der Deutsche Presserat Journalisten, nur sehr zurückhaltend oder, wenn möglich, gar nicht über Selbstmorde zu berichten. Deshalb steht in der Zeitung fast nie, von welcher Brücke sich ein Selbstmörder stürzte, an welchem Baum er sich erhängte. Bei Amokläufern ist diese Zurückhaltung schwieriger. Ein Selbstmord ist eine private Tat. Ein Amoklauf ist öffentlich, es gibt zahlreiche Opfer – und im Vordergrund der Tat steht nicht die Selbstvernichtung des Täters, sondern die Zerstörung der anderen. Eine solche Tat kann man nicht einfach verschweigen. Das Problem ist: Auch unter Amokläufern entfaltet der Werther-Effekt seinen Sog.

Anders gesagt: Gewalt kann ansteckend sein.

Nirgendwo lässt sich das so gut belegen wie in den USA. Die Mord- und Selbstmordraten dort liegen vielfach höher als in Deutschland. Im Schnitt läuft in Amerika einmal pro Monat irgendjemand an einer Schule Amok. Es gibt Hunderte gut dokumentierter Massenmorde und Schulmassaker. Statistikexperten der Arizona State University, die sich normalerweise mit der Auswertung von Epidemien wie Ebola und Dengue befassen, haben sich darangemacht, die Zahlen und Fakten von Amokläufen auszuwerten.

Ihre Erkenntnis: Die Verbreitung von Amokläufen ähnelt der Verbreitung von Viruserkrankungen. Auf einen Massenmord folgt oft nach kurzer Zeit ein zweiter. In den ersten 13 Tagen danach steigt das Risiko für eine ähnliche Tat um bis zu 30 Prozent. Und der Nachahmungseffekt potenziert sich noch: Je mehr Attentate passieren, desto wahrscheinlicher zieht jedes von ihnen mehrere nach sich. Amok mal Amok ergibt Amok hoch zwei. Manchmal zumindest.

Aber was ergibt die Rechnung Amok mal Terror?

ZEIT: Halten Sie es für denkbar, dass ein Amoklauf einen Terroristen inspiriert – oder umgekehrt?

Langman: Es gibt solche Fälle, ja. In Brasilien gab es mal einen jungen Mann, der sich von den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September anstacheln ließ. Er hatte keinerlei Verbindung zu Al-Kaida und auch keine zu New York, aber nach dem Inferno ging er in seine alte Schule und erschoss zwölf Menschen.

Gewalt kann Gewalt auslösen, vielleicht ist es doch so einfach. Das ist wohl der Grund, warum Personen, die als Kinder misshandelt worden sind, häufiger selbst dazu neigen, andere Menschen zu misshandeln. Ähnliches zeigen auch Studien über Nachkriegsgesellschaften: Dort gibt es höhere Raten bei Mord, Raub und Diebstahl. Wer in einem Klima der Gewalt sozialisiert wird, neigt eher dazu, selbst gewalttätig zu werden.

Der Amokläufer in Reutlingen, der Terrorist in Ansbach: Beide waren erst vor kurzer Zeit nach Deutschland gekommen, und beide waren in Syrien Zeugen eines brutalen Bürgerkriegs gewesen, vielleicht sogar Beteiligte. Bei der Obduktion des Ansbacher Täters fanden die Rechtsmediziner Narben von Kriegsverletzungen. Auch der Würzburger Axt-Attentäter dürfte viel Gewalt miterlebt oder auch selbst erlitten haben. Angeblich erfuhr er kurz vor seiner bestialischen Tat, dass ein Freund in Afghanistan getötet worden war.

"Die Täter sehen sich nach Ruhm. Den bescheren ihnen die Medien"

Auf dem Sofa in Langmans Praxis in Allentown sitzen immer wieder junge Menschen, um mit dem Psychologen über ihre Wut, die Verzweiflung, den Hass zu sprechen. Darüber, warum sie mit diesen Emotionen weniger gut umgehen können als andere Menschen. Die Ordner mit den Namen der Attentäter verwahrt Langman in einem Schrank hinter Holztüren, genauso wie seine Bücher. Seine Patienten sollen nicht auf den Gedanken gebracht werden, dass ihr Name einmal in einer Reihe mit den Namen der anderen stehen könnte.

25 Menschen, die als potenzielle Amoktäter galten, saßen in den vergangenen Jahren auf Langmans Sofa. Bisher griff keiner von ihnen zur Waffe, ein Umstand, der Langman offenbar mit Stolz und Erleichterung erfüllt.

ZEIT: Wie kann man erkennen, ob jemand gefährdet ist?

Langman: Eigentlich ist es gar nicht schwer. Viele Amokläufer kündigen ihre Absicht an. Vor allem junge Täter reden oft mit Freunden darüber. Manchmal posten sie es auf Websites, oder sie geben Schulaufsätze ab, in denen sie darüber fantasieren, wie sie ihre Mitschüler töten. In anderen Fällen reden sie sogar vor der versammelten Klasse darüber – das wird aber oft nicht ernst genommen. Man muss Schüler und Lehrer dazu ermutigen, solche Ankündigungen nicht abzutun, sondern sich Hilfe zu holen.

ZEIT: Wie kann das gehen?

Langman: Indem man sicherstellt, dass es an jeder Schule psychologisch geschultes Personal gibt. Indem man eine Telefonnummer anbietet, unter der Schüler eine Nachricht hinterlassen können. Oder ganz simpel: indem man einen Kasten aufstellt, in den Schüler anonym Hinweise einwerfen können.

Terrorexperten machen sich ähnliche Gedanken darüber, woran man potenzielle Täter erkennen kann. Studien zufolge teilt der "einsame Wolf" in immerhin 60 Prozent aller Fälle seine Pläne mit irgendwelchen Kontaktpersonen – meist über das Internet. Rückzug aus der Welt, feindseliges Verhalten, Suche nach Vorbildern und Vorbildtaten auf einschlägigen Websites – das sind die Stichworte, die die Terrorexperten nennen. Und auch die Forderung nach geschultem Personal fällt in vielen Gesprächen.

Der Selbstmordattentäter von Ansbach war in Behandlung bei Ärzten. Kurz vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe wurde bekannt, dass ein Gutachter vor ihm warnte, was allerdings offenbar nicht die richtigen Konsequenzen nach sich zog. Ali aus München war in der Psychiatrie und ähnelte hierin seinem Vorbild, dem Amokläufer von Winnenden. Man kann also nicht sagen, dass Fachleute keine Chance gehabt hätten, die Gefährlichkeit ihrer Patienten zu erkennen. Ali und die anderen haben sich gleichsam unter Aufsicht in ihre Todesraserei hineingesteigert.

Wie sollen dann erst ehrenamtliche Flüchtlingshelfer die Warnzeichen erkennen, worauf können dann Lehrer und Betreuer achten? Und muss man die Taten der einsamsten Wölfe, jener 40 Prozent, die sich komplett geräuschlos radikalisieren, einfach so hinnehmen wie eine Naturkatastrophe?

Langman: Die Täter sehnen sich nach Ruhm. Den bescheren ihnen die Medien, wenn sie sich in der Berichterstattung allzu sehr auf den Täter konzentrieren. Auf keinen Fall sollte man Fotos des Täters abdrucken, schon gar nicht auf der Titelseite. Das glorifiziert ihn, in den Augen möglicher anderer Gewalttäter macht es ihn zum Helden, dem sie dann nacheifern wollen.

In München dauerte es nur wenige Stunden, bis Ali als Amokschütze identifiziert wurde. Noch am selben Tag veröffentlichte die Bild-Zeitung sein Porträt. Es zeigt einen pausbäckigen Jungen mit schüchternem Lächeln. Das ist der Amokkiller von München, schreibt die Bild und setzt ein Ausrufezeichen dahinter.

Viele Zeitungen veröffentlichen in den nächsten Stunden und Tagen Aufnahmen von Ali und machen damit genau das, was Peter Langman kritisiert. Sie schenken dem Täter posthum das, worauf er scharf war, nämlich – wenn auch mit negativem Vorzeichen – Ruhm. Man kann sagen, sie machen kostenlos Werbung für Ali. Ohne es zu wollen, belohnen sie ihn für sein Verhalten.

Das Internet könnte den Werther-Effekt explodieren lassen

Bald kommen immer neue Details der Tat zur Sprache. Auf einer Pressekonferenz des Landeskriminalamts in München hören die Journalisten gar nicht mehr auf zu fragen: Welches Kaliber hatte die Waffe? Wie genau starben die Opfer? Wie viele durch Schüsse in den Rücken? Wie viele durch Kopfschuss? Schoss sich Ali in die rechte Schläfe oder in die linke? In welchem Winkel? Wie genau kam er an die Pistole? Wie viel Geld kostete ihn das? Die Polizisten beantworten keine dieser Fragen, aber manches gelangt dennoch in die Zeitung.

Man kann das geschmacklos finden, oder voyeuristisch. Peter Langman, der Fachmann, findet es gefährlich. Die Fotos des Täters und die Details zu seiner Tat könnten bei gefährdeten jungen Männern zur Ansteckung mit dem Virus der Gewalt führen, glaubt er. Und das Virus, es ist ja auch in seinen eigenen Büchern enthalten. Der zukünftige Täter muss nur genau genug suchen.

ZEIT: Wie leben Sie damit? Wie sollen wir Journalisten damit leben? Haben Sie jemals darüber nachgedacht, all diese Geschichten von Amokläufern einfach nicht mehr zu veröffentlichen?

Langman: Nein. Journalisten müssen über solche Taten berichten. Und genauso müssen das auch wir Wissenschaftler tun. Je besser wir die Täter verstehen, umso eher können wir ähnliche Angriffe in Zukunft verhindern. Es kommt auf das Wie an.

Es gelänge leider nicht, den Terror und den Amok aus der Welt zu schaffen, wenn auf einmal alle Journalisten vernünftig würden. In München trifft man in diesen Tagen auf Jungs, die Zahnspangen tragen und einen Flaum über der Lippe haben, Jungs, die Ali vom Schulhof kannten. Oder denen irgendwelche anderen Jungs, die Ali vom Schulhof kannten, von Ali erzählt haben. Stolz spielen die Jugendlichen auf ihren Smartphones Videos ab: verwackelte Bilder, auf denen Ali um sich schießt. Man sieht in den Filmchen, wie Menschen sterben. Und wie die Lebenden um die Sterbenden kämpfen.

Und man merkt schnell, wie cool diese Jungs es finden, solche Videos auf ihren Smartphones zu haben.

Sie wollen wichtig sein. Ali ist es ja auch geworden.

Das Internet könnte den Werther-Effekt explodieren lassen. Goethes Roman haben sie damals an manchen Orten verbieten lassen. Ein guter Zeitungsartikel ordnet das Grauen ein und bannt es dadurch. Wenn sich aber Bilder von Terrorattacken mit allen unmenschlichen Details unkontrolliert bei Twitter und Facebook vermehren, wenn Videoaufnahmen von Amokläufen nicht mehr verpixelt in der Tagesschau landen, sondern in voller Länge auf den Handys halbwüchsiger Menschen, dann wird sich die Ausbreitung des Virus nur noch schwer eindämmen lassen.

Vielleicht steht uns ein Kampf der Bilder bevor. Vielleicht wird es in den kommenden Monaten und Jahren mehr denn je auf den vernünftigen Umgang mit jenen Botschaften ankommen, die uns die Täter in die Köpfe hämmern wollen. Egal, ob es sich um das Manifest eines verzweifelten Schülers handelt oder um das Bekennervideo eines Möchtegern-Gläubigen.

Wer wollte, konnte in den vergangenen Tagen auch diese Bilder sehen: Die Tatorte in München, Reutlingen und Ansbach sind zu Gedenkstätten geworden, Menschen haben Blumen niedergelegt, Kerzen angezündet, Fotos ihrer ermordeten Angehörigen aufgestellt.

Was bleibt, ist der Verlust von Menschen wie Amela, 14 Jahre alt, die davon ausging, das Leben liege noch vor ihr. Sie wollte mit ihrer besten Freundin ein Eis essen, als der Amokläufer Ali sie als eine der Ersten erschoss. Zwei Tage nach der Tat sitzt ihr Vater, ein hagerer Mann aus dem Kosovo mit hohen Wangenknochen und schütterem schwarzen Haar, Busfahrer von Beruf, in einem Gebetsraum in München und empfängt Trauergäste. Als die Schüsse am Einkaufszentrum gefallen waren, hatte er immer wieder versucht, seine Tochter auf dem Handy zu erreichen. Er suchte sie und fand sie nicht. Im Morgengrauen klingelte es an seiner Tür. Beamte in Uniform traten ein, sie zeigten ihm einen Schlüsselbund. Amelas Schlüsselbund.

Jetzt will der Vater ihr ein Grab im Kosovo bauen, "ein großes und schönes Grab, wie es noch nie eines gegeben hat".

Auch in Ansbach wird am Montagabend getrauert. Keine 24 Stunden sind vergangen, seit sich Mohammed D. mit einer Rucksackbombe in die Luft sprengte. Am Tatort werden Blumen niedergelegt, Gebete gesprochen. Immer wieder dringen Rufe zu den Trauernden: "Ausländer raus!" Nur ein paar Straßen entfernt haben sich Dutzende Rechtsextreme zu einer Demonstration versammelt. Sie brüllen in Megafone, sie halten Plakate hoch: "Asylflut stoppen".

Nicht nur Terroristen und Amokläufer können sich mit dem Virus der Gewalt infizieren.