Wenig scheint diese Taten auf den ersten Blick zu verbinden, wenig außer der ziellos nach außen gerichteten Gewalt. Ali in München: ein klassischer Amokläufer. Der Angreifer von Ansbach: ein klassischer Selbstmordattentäter, der sich offenbar dazu entschlossen hat, eine fränkische Fachwerkidylle zum Schauplatz jenes Krieges zu machen, den der IS in die Welt getragen hat.

In München Amok, in Ansbach Terror. Hier die blinde Wut, dort das politisch-religiöse Heil. Hier die verlorenen Seelen aus unserer Mitte, dort die fanatisierten Fremden. Das sind die Kategorien, in die solche Taten üblicherweise eingeordnet werden. Doch die Grenzen verwischen.

Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach: An jedem dieser vier Orte war es ein junger Mann, der sich auf seine Weise als Außenseiter fühlte, als Gescheiterter und Nicht-Gewollter. Und so beging auch jeder von ihnen seine Taten: allein. So wie es derzeit aussieht, war fast jeder dieser Männer psychisch auffällig, jeder hatte mit Ärzten zu tun und mit den Dämonen der Depression zu kämpfen.

Vielleicht muss sich die Gesellschaft in Zeiten wie diesen den nüchternen Blick der Psychologen und Kriminologen antrainieren. Es ist ein Blick, den man aushalten muss, denn er macht vor den eigenen Denkgewohnheiten und Vorurteilen nicht halt. Vielleicht hat ein Mann wie Peter Langman, der Experte für die inneren Abgründe, auch etwas zu den Taten zu sagen, die wir Terror nennen.

ZEIT: Herr Langman, was treibt diese Menschen, warum wollen sie töten?

Langman: Das ist die Frage, auf die jeder eine Antwort will. Und eine möglichst einfache. Nach meiner Erfahrung gibt es die nicht, nie. Wenn ich Fernsehinterviews gebe, dann wollen die immer, dass ich ihnen in zwei Minuten alles erkläre. Das geht nicht. Bei Amokläufern kommen immer viele Dinge zusammen. Oft spielen Depressionen, Videospiele und Mobbing eine Rolle. Aber sie sind nur Puzzleteile einer Erklärung. Manchmal kommt Neid dazu. Nehmen wir jemanden, der schüchtern ist, ängstlich, unsicher. Jemand, der nicht viele Freunde hat, der sieht ja, wie die anderen auftreten. Die anderen Jugendlichen kommen ihm glücklich vor, sie haben Freunde. Sie leben das Leben, das er selbst sich so sehnlichst wünscht. In diesem Fall tötet ein Angreifer jene Jugendlichen, die er am meisten beneidet. Andere Täter sind traumatisiert. Oder werden stark gemobbt. Was davon auf Ali zutraf? Aus der Ferne kann ich das nicht beurteilen. Ich müsste viel mehr über ihn wissen.

Amokläufer verüben ihre Taten in der Regel an Orten, an denen sie gedemütigt wurden, an denen sie sich machtlos und ausgeschlossen fühlten. Ali hatte zweimal in seinem Leben Anzeige erstattet, einmal, weil er verprügelt, einmal, weil er bestohlen worden sei. War er ein Opfer, bevor er zum Täter wurde?

Bevor Alis Familie in die Maxvorstadt zog, wohnte sie in Moosach. Ein Stadtteil im Münchner Norden: fünfstöckige Wohnblocks, Normalität in Hellgelb und Orange. Vor den Türen: Kinderfahrräder und Cityroller. Zwischen den Gebäuden, auf schlecht gemähten Rasenflächen, spielen Kinder Fußball. Nachbarn, die im Erdgeschoss wohnen, mit Balkon zum Rasen hin, erinnern sich, dass Ali und sein Bruder hier mit den Kindern aus dem Haus gekickt hätten. Wobei – Ali habe da oft am Rand gestanden, sportlich sei er nicht gewesen. Er sei dann an den Balkon gekommen und habe sich mit ihnen unterhalten, sagt die Nachbarin. Ehrgeizig sei er gewesen, erinnert sie sich. Manchmal sei er in die Wohnung gegangen, um zu lernen, während die anderen spielten. Ihr Mann sagt, Ali sei einer der Älteren gewesen, die Jüngeren hätten Respekt vor ihm gehabt, manchmal habe er Streit geschlichtet. Der Mann sagt: "So einen wie Ali würde ich meinem Sohn als großen Bruder wünschen." Moosach ist ein überschaubares Viertel. Nicht besonders wohlhabend. Wer hier aufwächst, der bewegt sich in einem kleinen Radius. Die Kinder spielen Fußball vorm Balkon. Die Teenager treffen sich sich vorn beim "Meggi", beim McDonald’s am Olympia-Einkaufszentrum.

Es sind nur drei Gehminuten von Alis alter Wohnung bis dorthin. Ein Weg, der an Reihenhäusern vorbeiführt und an akkurat geschnittenen Hecken, an einem Reha-Zentrum mit einem bunten Holzkrokodil am Zaun.

Dort, wo die Teenager früher Burger aßen, ist heute ein Blumenmeer, Grabkerzen und Teelichter flackern. Warum hat Ali diesen Ort ausgesucht, den Treffpunkt in Moosach?