Als er dort wohnte, ging Ali auf die Toni-Pfülf-Mittelschule. Vor dem Schulgebäude steht jetzt Flamur, 18, und dreht sich einen Joint. Als man ihn auf Ali anspricht, grinst er und sagt: "Der war ’ne Pfeife."

Flamur sagt, er sei in Alis Parallelklasse gewesen. Ein Jahr lang habe er Wirtschaft mit ihm gehabt, einmal sei er in einer Projektgruppe mit Ali gewesen. "Ich hab Ali die Arbeit machen lassen und hab am Computer dieses Spiel gespielt, wo man diese Kästchen anklicken muss und keine Mine treffen darf." Flamur sagt, wohl ohne etwas Besonderes daran zu finden, er habe Ali immer mal wieder geschlagen, einmal auch während des Unterrichts, mit der flachen Hand auf den Hinterkopf.

Zwei Freunde von Flamur kommen dazu, auch sie fangen an, über Ali zu reden, zu lachen. Wenn man ihnen zuhört, kann man sich nicht vorstellen, dass sie über einen ehemaligen Schulkameraden sprechen, der kurz zuvor neun Menschen und dann sich selbst erschossen hat. Sie wirken nicht, als sähen sie irgendeinen Bezug zwischen ihrem Handeln damals und der Bluttat heute. Eine Anekdote spornt zur nächsten an. Die Jungs schaukeln sich gegenseitig hoch.

"Wisst ihr noch, wie er am Anfang gestottert hat?"

"Wie er immer so behindert gelaufen ist?"

Ein Bolzplatz neben der Schule, auf die Ali früher ging. Kunstrasen, am Rand liegen Mountainbikes auf dem Boden. Auf dem Platz wird gekickt und gegrölt, auf einer Bank sitzen zwei ältere Jungs, auch sie damit beschäftigt, sich eine Tüte zu drehen. "Ey, du Mongo", sagt der eine, "Deine Mudder" der andere. Auch sie haben eine Geschichte über Ali zu erzählen. "Den haben sogar die Mädchen geschlagen", sagt der eine. Einmal sei es noch schlimmer gewesen, erinnert sich der andere. Da hätten ihn die Mädchen festgehalten und geschminkt, mit Lippenstift und Rouge und Eyeliner.

Langman: Dass Ali von Mädchen gedemütigt wurde, ist die Extremform eines Phänomens, das ich sehr häufig bei Amokläufern beobachte. Viele fühlen sich in ihrer Männlichkeit verletzt. Ich weiß nicht, wie das Männerbild in Deutschland ist, aber ich nehme mal an, es ist vergleichbar mit dem amerikanischen. Als Mann bist du körperlich stark, hart, erfolgreich im Beruf, sportlich, beliebt bei Frauen. Amokläufer sind oft außergewöhnlich klein und schwach. Sie sind sehr schlechte Sportler, manche haben eine körperliche Behinderung, und meistens hatten sie noch nie eine Freundin.

ZEIT: Sie drehen durch, weil sie nicht dem gesellschaftlichen Ideal eines Mannes entsprechen?

Langman: Genau. Hier in den USA beobachten wir oft, dass Familienangehörige von Amokläufern Soldaten sind oder Polizisten, also Berufe haben, die als sehr männlich gelten. Viele Amokläufer träumen selbst davon, solche Berufe zu ergreifen. Wenn sie daran scheitern, ist das ein harter Schlag für ihr Selbstverständnis als Mann.

ZEIT: Also greifen sie zur Waffe, um sich mal richtig stark zu fühlen?

Langman: Ja, viele Amokläufer haben vor ihrer Tat darüber geschrieben, dass sie sich das so vorstellen. Plötzlich haben sie Macht. Plötzlich bekommen sie Respekt – also das, was ihnen vorher gefehlt hat.