Der Einzeltäter, der der Welt seine Wut entgegenschleudert, macht sich größer als alle anderen, die ihn zuvor gekränkt haben. Seine Gewalt dient der Selbstermächtigung. In Reutlingen tötete der 21-jährige Syrer Ahmed J.* am vergangenen Sonntag seine Freundin mit einem 60 Zentimeter langen Messer, bevor er auf Kollegen und Passanten losging. War auch Ahmed in seiner Männlichkeit gekränkt worden?

Noch am selben Tag, an dem der Reutlinger Täter zustach, zündete ein Syrer namens Mohammed D. knapp 200 Kilometer entfernt in Ansbach vor dem Eingang eines Musikfestivals eine Rucksackbombe. Er verletzte 15 Personen und tötete sich selbst. Nach dem Attentat wurde öffentlich, dass Mohammed D. zweimal versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Er sollte nach Bulgarien abgeschoben werden. Bei den Ermittlungen fanden die Beamten auf Mohammed D.s Handy ein Video, in dem er dem IS-Führer Abu Bakr al-Bagdadi seine Treue schwört. Noch ist unklar, wo und wie Mohammed D. sich radikalisiert hat.

Am späten Dienstagabend behauptete der IS, der Mann sei schon seit Jahren Mitglied der Organisation gewesen. Schon zu Beginn des syrischen Bürgerkrieges habe er als Mudschahed, als Gotteskrieger, gegen das Assad-Regime gekämpft, sich spezialisiert auf den Einsatz von Granaten.

Bei Aleppo habe er an Schlachten teilgenommen, sei dort auch verletzt worden, weswegen er außer Landes gebracht wurde. Von Europa aus habe er "voller Sehnsucht" danach getrachtet, wieder in Syrien zu kämpfen, aber Versuche, das Schlachtfeld zu erreichen, seien gescheitert. Deswegen der Entschluss, im "Haus des Unglaubens" zuzuschlagen. Drei Monate habe er auf den Bombenbau verwendet. In dieser Zeit sei die deutsche Polizei einmal in seiner Unterkunft gewesen, habe aber seine Pläne durch Zufall (oder Gottes Einwirken, so der IS) nicht entdeckt. Angeblich stand der Attentäter bis zuletzt in direktem Kontakt mit einem "Soldaten des Kalifats".

Die Angaben des IS waren bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe unmöglich zu verifizieren. Ganz sicher sind Teile erheblich geschönt. Aber es wäre ungewöhnlich, wenn der IS solche Informationen komplett zusammengelogen hätte.

In Ansbach war geschehen, wovor Bürger und Politiker sich seit Monaten fürchteten: der erste Selbstmordanschlag im Namen des IS auf deutschem Boden. Für Mohammed D. war sein Tod ein Superlativ, den er im Leben nicht erreichen konnte: Er war der erste, dieser Rekord ist ihm nicht mehr zu nehmen.

ZEIT: Herr Langman, der Amokläufer und der Terrorist – beide haben kein Empfinden für andere, keine Empathie; völlig unschuldige Menschen machen sie zu ihren Opfern. Sind die Terroristen, die als Einzelne losziehen, um im Namen des IS zu morden, psychologisch verwandt mit den Attentätern, die in ihrem eigenen Namen für das sorgen wollen, was sie als gerecht empfinden?

Langman: Aus psychologischer Sicht gibt es zwischen Amokläufern und vielen Terroristen, insbesondere den Einzeltätern, den lone wolfs, die wir in letzter Zeit oft sehen, kaum Unterschiede.