Man könnte denken, der Terrorist, gerade der islamistische, habe etwas, das dem Amokläufer fehlt: ein geschlossenes Weltbild, das ihn zu seinen Taten motiviert. Aber in Wahrheit ist der Islamismus für die meisten Einzeltäter nichts anderes als eine Art Instant-Ideologie – eine aus wenigen Schlagworten und simplen Sätzen zusammengesetzte Denkmaschine, derer die jungen Männer sich bedienen können. Sie verleiht dem Wahnsinn den billigen Anschein politisch-religiöser Rationalität: Plötzlich wird das Ausrasten zum Mittel in einem scheinbar gerechten Kampf. Und der junge Täter bekommt einen Platz in der Ahnenreihe der Radikalen: So wie er die Anschläge seiner Vorgänger studierte und darüber zum Terroristen wurde, so werden nach ihm andere junge Männer von seinem eigenen Zeugnis inspiriert sein.

Er, der Versager, ist jetzt nicht mehr einsam. Er wird ein Erbe hinterlassen. Er muss nur, wie die Täter von Würzburg und Ansbach, mit seinem Handy ein Bekennervideo drehen und es ins Netz stellen. Das ist die Bedingung, die einzige, die der IS stellt, bevor er aller Welt mitteilt: Dieser Mann handelte in unserem Namen.

Sehnsucht nach ideologischer Vergrößerung, Sehnsucht nach der Gemeinschaft der Gleichgesinnten: Amokläufer kennen genau diese Antriebe. Auch sie ordnen ihre Taten in eine Tradition ein. Als Ursprung, gleichsam als 9/11 des modernen Amoklaufs, gilt dabei das Massaker an der Columbine High School, wo im April 1999 zwei Teenager zwölf Mitschüler und einen Lehrer erschossen. Die beiden hinterließen zahlreiche Schriften und Aufnahmen, in denen sie ihre brutalen Morde als politische Aktion interpretierten: als Signal zum Aufstand aller gehänselten Außenseiter auf dieser Welt.

Der 17-Jährige, der fast zehn Jahre nach Columbine im baden-württembergischen Winnenden 15 Menschen tötete, war Mitglied in einer Online-Chat-Gruppe, in der Amokläufe wie der von Columbine gefeiert wurden.

Ali aus München wiederum fuhr extra nach Winnenden, um an der Wirkungsstätte seines Vorbildes Fotos zu machen. Ali verfasste auch ein "Manifest", wie die Täter von Columbine und wie Anders Breivik, der 2011, exakt fünf Jahre vor der Münchner Tat, auf der norwegischen Insel Utøya gemordet hatte.

Möglicherweise hat Ali sich nicht nur Anders Breivik und dem Täter von Winnenden nahe gefühlt, sondern noch einer weiteren Figur. In Peter Langmans Buch, Kapitel sieben, Seite 259 bis 263, konnte Ali über einen 14-Jährigen mit dem Pseudonym Kyle lesen, der zu Langmans Patienten gehörte. Langman arbeitete damals an einem kinderpsychiatrischen Krankenhaus in der Nähe von Allentown, als ihm ein Jugendlicher zugeteilt wurde. Ein möglicher Nachahmer, hieß es. Langman sollte entscheiden, ob Kyle tatsächlich eine Gefahr darstellte. Der Junge wurde dann mehrfach stationär behandelt. Es ging noch einmal gut.

In der Geschichte des jungen Kyle, die Langman später aufschrieb, gibt es erstaunlich viele Parallelen zu Alis Leben. Kyle, notiert Langman über seinen Patienten, war sich bewusst, "dass seine Reaktionen anders waren als die der meisten Menschen". Im Buch heißt es: "Er klagte darüber, dass er in der Schule massiv gehänselt würde, er sei nun seit sieben Jahren Mobbingopfer."

In dem mittlerweile berühmten Video, das ein Anwohner von Ali auf dem Parkdach in München-Moosach gemacht hat, sagt der Amokläufer fast wortgleich: "Wegen euch wurde ich gemobbt, sieben Jahre lang."

ZEIT: Hat sich Ali in diesem Jungen wiedererkannt, der drauf und dran war, zum Massenmörder zu werden?

Langman: Das ist möglich.

ZEIT: Hat er sich von dieser Passage in Ihrem Buch vielleicht sogar anstacheln lassen und deshalb zur Waffe gegriffen?

Langman: Vielleicht fühlte er sich so allein, dass es tatsächlich reichte, diesen einen Satz über die sieben Jahre Mobbing zu lesen.