Bald kommen immer neue Details der Tat zur Sprache. Auf einer Pressekonferenz des Landeskriminalamts in München hören die Journalisten gar nicht mehr auf zu fragen: Welches Kaliber hatte die Waffe? Wie genau starben die Opfer? Wie viele durch Schüsse in den Rücken? Wie viele durch Kopfschuss? Schoss sich Ali in die rechte Schläfe oder in die linke? In welchem Winkel? Wie genau kam er an die Pistole? Wie viel Geld kostete ihn das? Die Polizisten beantworten keine dieser Fragen, aber manches gelangt dennoch in die Zeitung.

Man kann das geschmacklos finden, oder voyeuristisch. Peter Langman, der Fachmann, findet es gefährlich. Die Fotos des Täters und die Details zu seiner Tat könnten bei gefährdeten jungen Männern zur Ansteckung mit dem Virus der Gewalt führen, glaubt er. Und das Virus, es ist ja auch in seinen eigenen Büchern enthalten. Der zukünftige Täter muss nur genau genug suchen.

ZEIT: Wie leben Sie damit? Wie sollen wir Journalisten damit leben? Haben Sie jemals darüber nachgedacht, all diese Geschichten von Amokläufern einfach nicht mehr zu veröffentlichen?

Langman: Nein. Journalisten müssen über solche Taten berichten. Und genauso müssen das auch wir Wissenschaftler tun. Je besser wir die Täter verstehen, umso eher können wir ähnliche Angriffe in Zukunft verhindern. Es kommt auf das Wie an.

Es gelänge leider nicht, den Terror und den Amok aus der Welt zu schaffen, wenn auf einmal alle Journalisten vernünftig würden. In München trifft man in diesen Tagen auf Jungs, die Zahnspangen tragen und einen Flaum über der Lippe haben, Jungs, die Ali vom Schulhof kannten. Oder denen irgendwelche anderen Jungs, die Ali vom Schulhof kannten, von Ali erzählt haben. Stolz spielen die Jugendlichen auf ihren Smartphones Videos ab: verwackelte Bilder, auf denen Ali um sich schießt. Man sieht in den Filmchen, wie Menschen sterben. Und wie die Lebenden um die Sterbenden kämpfen.

Und man merkt schnell, wie cool diese Jungs es finden, solche Videos auf ihren Smartphones zu haben.

Sie wollen wichtig sein. Ali ist es ja auch geworden.

Das Internet könnte den Werther-Effekt explodieren lassen. Goethes Roman haben sie damals an manchen Orten verbieten lassen. Ein guter Zeitungsartikel ordnet das Grauen ein und bannt es dadurch. Wenn sich aber Bilder von Terrorattacken mit allen unmenschlichen Details unkontrolliert bei Twitter und Facebook vermehren, wenn Videoaufnahmen von Amokläufen nicht mehr verpixelt in der Tagesschau landen, sondern in voller Länge auf den Handys halbwüchsiger Menschen, dann wird sich die Ausbreitung des Virus nur noch schwer eindämmen lassen.

Vielleicht steht uns ein Kampf der Bilder bevor. Vielleicht wird es in den kommenden Monaten und Jahren mehr denn je auf den vernünftigen Umgang mit jenen Botschaften ankommen, die uns die Täter in die Köpfe hämmern wollen. Egal, ob es sich um das Manifest eines verzweifelten Schülers handelt oder um das Bekennervideo eines Möchtegern-Gläubigen.

Wer wollte, konnte in den vergangenen Tagen auch diese Bilder sehen: Die Tatorte in München, Reutlingen und Ansbach sind zu Gedenkstätten geworden, Menschen haben Blumen niedergelegt, Kerzen angezündet, Fotos ihrer ermordeten Angehörigen aufgestellt.

Was bleibt, ist der Verlust von Menschen wie Amela, 14 Jahre alt, die davon ausging, das Leben liege noch vor ihr. Sie wollte mit ihrer besten Freundin ein Eis essen, als der Amokläufer Ali sie als eine der Ersten erschoss. Zwei Tage nach der Tat sitzt ihr Vater, ein hagerer Mann aus dem Kosovo mit hohen Wangenknochen und schütterem schwarzen Haar, Busfahrer von Beruf, in einem Gebetsraum in München und empfängt Trauergäste. Als die Schüsse am Einkaufszentrum gefallen waren, hatte er immer wieder versucht, seine Tochter auf dem Handy zu erreichen. Er suchte sie und fand sie nicht. Im Morgengrauen klingelte es an seiner Tür. Beamte in Uniform traten ein, sie zeigten ihm einen Schlüsselbund. Amelas Schlüsselbund.

Jetzt will der Vater ihr ein Grab im Kosovo bauen, "ein großes und schönes Grab, wie es noch nie eines gegeben hat".

Auch in Ansbach wird am Montagabend getrauert. Keine 24 Stunden sind vergangen, seit sich Mohammed D. mit einer Rucksackbombe in die Luft sprengte. Am Tatort werden Blumen niedergelegt, Gebete gesprochen. Immer wieder dringen Rufe zu den Trauernden: "Ausländer raus!" Nur ein paar Straßen entfernt haben sich Dutzende Rechtsextreme zu einer Demonstration versammelt. Sie brüllen in Megafone, sie halten Plakate hoch: "Asylflut stoppen".

Nicht nur Terroristen und Amokläufer können sich mit dem Virus der Gewalt infizieren.