Über einen Golfplatz in Florida marschiert ein Alligator. Schön oder nicht schön? Das Tier ist immerhin gute vier Meter lang und wäre mühelos in der Lage, sich den einen oder anderen Spieler einzuverleiben oder ihn wenigstens mit einem Schwanzschlag in den Bunker zu befördern, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Die anwesenden Golfer scheinen sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Zwei haben sogar das Tier gefilmt und ihre Videos ins Netz gestellt. Kommentar des einen: "Der größte Bursche, den ich je gesehen habe." Aus seiner Stimme spricht das interesselose Wohlgefallen, das die Weimarer Klassik zum ästhetischen Ideal der Kunst erheben wollte. Oder ist es die Blasiertheit der Einwohner Floridas, die sich an Begegnungen mit Alligatoren gewöhnt haben?

Freilich muss man zugeben, dass die Echse auf dem Golfplatz ihrerseits auch kein Interesse an etwas anderem zeigt als an der Kunst, geduldig einen Fuß vor den anderen zu setzen, sie ist mindestens so blasiert und ganz augenscheinlich bestrebt, ihrem Spaziergang die Wirkung größter Alltäglichkeit zu verschaffen. "Bitte beachten Sie mich nicht", scheint ihre Körperhaltung auszudrücken, "ich gehe hier nur mal eben so durchs Bild."

In seiner Ungeniertheit erinnert der Alligator an die Löwen, die man in Afrika manchmal dabei beobachten kann, wie sie auf dem Mittelstreifen einer gut befahrenen Straße den Kadaver einer Antilope verspeisen. Wildtiere neigen dazu, sich dort, wo sie nicht gejagt werden oder selbst nach jagdbarer Beute Ausschau halten, ungezwungen zu verhalten. Sie bleiben in ihrer Sphäre auch dann, wenn sie mit Menschen den Ort teilen. Kann man es Toleranz nennen? Auf jeden Fall darf man vermuten, dass der Alligator weder von Hunger gequält wurde noch solchen bei den Golfern fürchten zu müssen glaubte. Insofern handelt es sich um eine golftypische Begegnung, als sie unter in jeder Hinsicht saturierten Wesen stattfindet. Niemand leidet hier Mangel.

Beim zweiten Blick auf die Videos ändert sich jedoch der Eindruck; der Alligator wirkt fast ein wenig schüchtern. Weiß er, dass er beim Handicap nicht mithalten kann? Keine Aufnahmegebühr bezahlt hat und keine Bürgen nennen konnte? Setzt er die Füße nicht beinahe gehetzt, als strebte er mit Eile einem Gewässer zu, aus dem er verlorene Bälle hervorholen könnte, um sich auf diese Weise nützlich zu machen?

Manches spricht dafür, dass auch Alligatoren das Akzeptanzproblem von Minderheiten kennen, die nicht zu den Wasps, der weißen angelsächsisch-protestantischen Oberschicht, zählen. Oder handelt es sich am Ende um ein Weibchen, das nicht sicher ist, ob auf Golfplätzen ein Nein auch wirklich als Nein verstanden wird? Das Recht am eigenen Bild ist ihm jedenfalls von den filmenden Männern schon mal genommen worden.