Eine revolutionäre Idee sei das gewesen, geradezu "elektrisierend"! Christiane Leiste schwärmt noch immer von ihren letzten zwei Jahren als Lehrerin. Obwohl alles verloren scheint, die Versöhnung von Waldorfpädagogik und Brennpunktschule gescheitert ist.

Leiste war Teil des großen Schulversuchs, unterrichtete als Waldorfpädagogin an einer staatlichen Schule im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Einst Problembezirk, erlebt das Viertel gerade einen Aufbruch, zieht Studenten und junge Familien an. Letztere haben häufig Kinder, die bald das Alter erreichen, in dem sich Eltern für eine Schule entscheiden müssen. Deshalb plante ein Verein eine private Waldorfschule im Bezirk, in unmittelbarer Nähe zur Grundschule Fährstraße. Dort haben 90 Prozent aller Schüler Migrationshintergrund, viele leben in Familien, in denen kein Deutsch gesprochen wird. Eine nicht gerade beliebte Schule, die Anmeldezahlen gingen seit Jahren zurück.

Die Hamburger Schulbehörde erkannte die Gefahr: Die Waldorfschule würde großen Zulauf erleben, die staatliche Schule ihr baldiges Ende. Es galt, die Fährstraße zu retten und eine weitere soziale Spaltung im Viertel zu verhindern. Also schloss die Behörde einen Pakt mit dem "Verein für interkulturelle Waldorfpädagogik", wagte ein deutschlandweit einzigartiges Experiment: Die Waldorfpädagogik sollte Bestandteil der staatlichen Schule werden. "Das Beste aus zwei Welten" hieß der Slogan, der auch bildungsbeflissene Eltern in Wilhelmsburg ansprechen sollte.

Nach zwei Schuljahren nun, kurz vor den Sommerferien, hat der Verein die Zusammenarbeit mit der staatlichen Schule beendet. Zu wenig Waldorf sei dort entstanden. Dabei hatte sich in der Fährstraße so vieles verändert. Jeder Schultag begann mit einer Doppelstunde Epochenunterricht, einem typischen Element der Waldorfpädagogik. Jeweils einen Monat lang werden Deutsch, Mathe oder Formenzeichnen unterrichtet. Beim Formenzeichnen werden die Kinder aufgefordert, ausgehend von einer geraden und einer krummen Linie immer komplexere Muster zu malen. Was daran gut sein soll? "Sie müssen sich konzentrieren, lernen die Orientierung im Raum. Das hilft ihnen beim Schreibenlernen und in der Geometrie", sagt eine Lehrerin, die erst durch den Schulversuch mit der Waldorfpädagogik in Berührung kam. Wie ihr ging es auch vielen Wilhelmsburger Eltern. Einige von ihnen hatten nie zuvor von Waldorf gehört. Doch die Lehrer waren sich schnell einig: Gerade Kindern, die aus sozial schwachen Familien kommen und geringe Deutschkenntnisse mitbringen, würden die neuen Lernformen helfen. Diese setzen auf Wiederholungen, auf Rituale, Rhythmen und Musik. "Das soziale und emotionale Lernen ist bei Waldorf genauso wichtig wie der kognitive Wissenserwerb", sagt Christiane Leiste.

Achtzig Prozent des Kollegiums hatten dem Schulversuch zugestimmt, neun Waldorfpädagogen wurden eingestellt. Der Epochenunterricht sollte durchgehend doppelt besetzt sein, mit mindestens einer Waldorf-Fachkraft im Klassenzimmer. Doch schon im zweiten Schuljahr zeigte sich, dass eine Doppelbesetzung nicht immer möglich war. Waldorfpädagogen wie Christiane Leiste sahen darin eine Missachtung ihrer pädagogischen Grundsätze: "So eine Stunde ist ein Kunstwerk. Das muss man erlernen. Da ist es nicht egal, wer vor der Klasse steht. Da reicht es auch nicht, zehn Minuten zu singen und dann normalen Unterricht zu machen."

Der Streit eskalierte. Eltern und Lehrer berichten von Machtkämpfen auf Konferenzen und Sitzungen. Immer ging es um die gleichen Fragen: Sind es genügend Waldorfelemente, die die Schule umsetzt? Wie getreu muss die Umsetzung sein? Und kann das nur ein Waldorfpädagoge?

Die Schulbehörde gibt in der Rückschau zu, bereits zu Beginn Fehler gemacht zu haben. Der Rahmenvertrag hat auf zweieinhalb A4-Seiten gepasst. Man setze auf "handlungsorientiertes, ganzheitliches Lernen", heißt es darin, "auf eine angemessene Rhythmisierung des Schulalltags". Das ließ viel Spielraum für die Frage, wie weit die Waldorfelemente den Unterricht bestimmen sollten. Dem Verein für interkulturelle Waldorfpädagogik jedenfalls genügte es nicht. Er forderte die Absetzung des Schulleiters, das Kollegium hingegen stellte sich hinter ihn.

Nun will die Schule ohne Beteiligung des Vereins an der Waldorfpädagogik festhalten. Endlich melden sich wieder mehr Kinder in der Fährstraße an. Ob die Schule weiter mit "waldorfpädagogischen Elementen" werben darf, will die Stadt juristisch prüfen lassen. Der Bund der Freien Waldorfschulen, der die Markenrechte der Waldorfpädagogik vertritt, hat das bislang untersagt.