Die Lage ist ernst

Kürzlich schrieb hier Lena Steeg "Nicht lustig!", einen Nachruf auf die Ironie


Das hier ist kein ironischer Text. Man muss keinen ironischen Text schreiben, um die Ironie gegen ihre Gegner zu verteidigen – gegen all jene also, die in den vergangenen Jahrzehnten behauptet haben, dass die Sache mit der Ironie jetzt aber auch mal vorbei sein sollte, vorbei sein müsse, weil die Zeiten zu kompliziert, zu ernst, zu schwerwiegend geworden seien. In den neunziger Jahren forderte das zum Beispiel der Popsänger Jarvis Cocker, der immer so wirkte, als weigere sich sein Therapeut, ihm weiter zuzuhören: "Irony is over – bye, bye!" Diesen Slogan verbreitete dann der Schriftsteller Christian Kracht, und für dessen Jünger wurde er zum Mantra. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde die Forderung nach dem "Ende der Ironie" beinahe zu einem Massenphänomen. Und dann gab es Krieg.

Vor drei Wochen, also fünfzehn Jahre und gefühlte hundert "Ironie ist jetzt aber wirklich vorbei"-Forderungen später, erschien an dieser Stelle ein Text, in dem die Autorin Lena Steeg das Ende der Ironie zur Notwendigkeit erklärt. Wir hätten "Ferien von der Wirklichkeit" genommen, doch nun hole sie uns ein: durch die Flüchtlinge, durch den Wahlerfolg rechtspopulistischer Parteien, durch den Brexit. Der Text kam zu der Erkenntnis: "Die Ironie ist tot." Aber kann nicht etwas nur dann sterben, wenn es vorher gelebt hat? Denn genau das kann man von der Ironie ja nun nicht gerade behaupten. Ironische Zeiten? Wann denn? Wo denn? Und was ist das überhaupt – Ironie?

Ironie bedeutet nicht, dass man alles lustig findet oder sich über alles lustig macht. Man kann auch nicht ironisch fernsehen, genauso wenig, wie man ironisch einkaufen kann. Ironie ist keine Witzelsucht, kein Sprücheklopfen, kein Facebook-Post, kein Emoticon.

Die Verächter der Ironie sprechen von ihr, als sei sie eine Attitüde der "Spaßgesellschaft", vor der in den neunziger Jahren gewarnt wurde. Nur hatte die überhaupt nichts mit Ironie zu tun (es sei denn, man käme auf die Idee, jemanden wie Mario Barth für einen Ironiker zu halten). In Wahrheit war die Spaßgesellschaft bloß das karnevaleske Fluchtmoment in einer bierernsten Welt. Für den Spaß waren damals Komiker zuständig. Sie trieben ihn in klar abgesteckten Bereichen (samstags von 20 Uhr bis Mitternacht auf RTL; Mittwochabend, Stadthalle, Ingo Appelt). Das korrekte Bild dafür: Zum Lachen geht man in den Keller.

Echte Ironie ist eine Haltung – zunächst sich selbst gegenüber. In seinem Fragebogen fragt Max Frisch: "Haben Sie Humor, wenn Sie alleine sind?" Wie pralle ich auf die Welt, wie begegne ich mir selbst, meinen Gedanken, meinen Gefühlen, meinen Hoffnungen und Sehnsüchten? Man kann da natürlich ohne Ironie rangehen – nur versäumt man dann eine Menge. Denn Ironie erzeugt keine Distanz, wie ihre Gegner behaupten. Sie hilft Distanz überwinden. Der ironische Blick auf das Leben erfordert nämlich zum einen ein genaues Hinsehen und zum anderen ein unbedingtes Zulassen.

Natürlich ist Ironie auch witzig. Sie macht es möglich, über die schlimmsten Dinge zu lachen. Für Feinde der Ironie ist das Frevel. Sie möchten, dass man nur das Heitere und Harmlose komisch findet. Aber wie ertragen sie das? Und wer entscheidet, wo der Ernst beginnt? Ironie kennt solche Grenzen nicht. Sie ist ein Ausdruck von Veränderungswillen und selbstständigem Denken. Ohne Ironie zu leben heißt, die Dinge, wie sie sind, als gottgegeben zu nehmen. Es bedeutet, sich nicht mehr zu wehren.

Ironie ist eine Waffe

Wo immer Lena Steeg ihre "Ferien von der Wirklichkeit" verbracht hat, es war nicht in der Sphäre der Ironie. Denn Ironie bedarf der Wirklichkeit, sie funktioniert überhaupt nicht ohne, Ironie ist ein Sich-Einlassen auf die Welt, eine klare Sicht auf die Welt – die eben selbst nicht immer so klar ist. "Ferien vom Wahrheitsanspruch", das träfe es schon besser.

Der amerikanische Philosoph Richard Rorty schrieb vor 25 Jahren sein Buch Kontingenz, Ironie und Solidarität. Darin führt er die Figur der "liberalen Ironikerin" ein. Sie erscheint als Heldin seiner Utopie, weil sie "der Tatsache ins Gesicht sieht, dass ihre zentralen Überzeugungen und Bedürfnisse kontingent sind". Dieser liberalen Ironikerin stellt Rorty den "Metaphysiker" gegenüber. Er hat Überzeugungen, Wahrheiten – und die entstammen seinem gesunden Menschenverstand. Sie sind nicht verhandelbar.

Rortys Buch richtet sich gegen die Fundamentalwissenschaft, die mit dem Blick aufs Ganze einen privilegierten Zugang zur Wahrheit beanspruchte. Rorty schreibt: "Da Wahrheit eine Eigenschaft von Sätzen ist, da die Existenz von Sätzen abhängig von Vokabularen ist und da Vokabulare von Menschen gemacht werden, gilt dasselbe für Wahrheiten." Ironie ist für Rorty das Mittel, um der Wahrheit näher zu kommen, indem man an Gewissheiten zweifelt und eine Distanz zur eigenen Überzeugung aufbaut – nicht aber zu den Dingen, die man betrachtet. Eine solche Ironie ist nicht "per se überheblich", wie Lena Steeg glaubt. Sie ist im Gegenteil ein Mittel, sich ständig zu überprüfen und zu hinterfragen in der Hoffnung, irgendwann ein freier Mensch zu werden.

Die Gegner der Ironie sehen das anders. Für sie bedeutet Ironie nicht Freiheit, sondern eine Welt, in der niemand irgendetwas ernst nimmt und in der deshalb die Gleichgültigkeit herrscht. Aber indem ich mich über etwas lustig mache, ist es mir nicht gleichgültig, sondern wichtig. Etwas wichtig nehmen ist etwas anderes als etwas ernst nehmen.

Wer das ironische Grinsen satthat, der sieht Gespenster. Es wurde doch längst schon verdrängt. Weil die Menschen lieber alles ernst nehmen wollen – ein fast heiliger Ernst, der sich über das Leben ausbreitet wie ein Leichentuch. Menschen nehmen ihre Ernährung ernst, ihren Körper, die Erziehung ihrer Kinder, ihr Sexleben, ihre Wohnungseinrichtung. Machen Sie mal einen Scherz über die neue "Unverträglichkeit" eines Bekannten, über die App, mit der er jeden Schritt aufzeichnet, oder die bilinguale Kita, in die er seine Tochter schickt. Tatsächlich leben wir in einer sehr ironiefreien Zeit. Die Forderung muss daher lauten: "Mehr Ironie!" – denn weniger geht im Moment kaum.

In dem Anti-Ironie-Text vor drei Wochen stand folgende Geschichte: "Eine Freundin, Mitte 30, die vor vier Jahren von Hamburg nach Paris gezogen ist und eine Fernbeziehung mit einem Mann in Paris führt, postete bei Facebook, sie habe zum ersten Mal in ihrem Leben wegen einer politischen Entscheidung geweint." Tränen wegen des Brexits. Hilft heulen mehr als lachen?

Der Artikel endet so: "Wir hatten gewusst, wo wir standen". Aber ein Ironiker weiß eben nicht, wo er steht, sonst wäre er kein Ironiker, sonst brauchte er keine Ironie, um sich zurechtzufinden. Die Leute wissen heute viel zu gut, wo sie stehen. Weltbilder schließen sich eher, als dass sie sich öffnen. Und was Menschen anrichten, die keine Selbstzweifel kennen, zeigen die Nachrichten jeden Tag.

Ironie ist kein Luxus, den man sich nur in fröhlichen Zeiten leisten kann. Ironie ist eine Waffe, die man braucht, wenn es ernst wird. Sie hilft dem Schwachen gegen den Mächtigen, so wie sie früher dem schmalen Jungen auf dem Schulhof gegen die Sportskanone geholfen hat.

Wir brauchen die Ironie, denn wenn wir sie haben, dann haben wir mehr Freiheit, mehr Solidarität, mehr Moral und mehr Menschlichkeit.

Im Ernst.