Es kann jedem passieren, dass er einmal Urlaub in Jesolo macht: knapp bei Kasse, akut ideenlos, Angst vor Vogelgrippe, Zika, Terror, von der Autostrada A 4 falsch abgefahren plus Benzinpumpendefekt. Für einen zweiten Jesolo-Urlaub gibt es hingegen kaum noch valide Rechtfertigungen: der Luftmatratzenverkäuferin ein Kind gemacht/vom Strandliegenstapler eines gekriegt, ein spirituelles Erweckungserlebnis im Luna Park gehabt? Eher unwahrscheinlich.

Und 20 Mal Jesolo? Unmöglich. Obere Adria, Hausmeisterstrand, ein Urlaubsziel, so geheimnislos wie ein Automatensnack. Es gibt eine Million Destinationen, und jeder Mensch braucht Abwechslung, will was Neues sehen. Da können Sie fragen, wen Sie wollen. Nur mich nicht. Ich brauche nicht, ich will nicht. Deshalb war ich schon ungefähr 20 Mal in Jesolo im Urlaub. ZWANZIG MAL. Das klingt wie das Geständnis eines Intensivtäters, aber es ist frei von Reue. Jeder weiß, was ich versäumt habe: 19 Badeorte, 19 Strände, 19 Hotels, 19 Frühstücksbuffets, 19 Wie-es-da-aussieht-im-Vergleich-dazu-wie-ich-es-erwartet-habe-Momente. Aber was entgeht allen anderen, die nicht 19 Mal dieselbe Autobahnausfahrt nehmen, 19 Mal die Badetasche am selben Pool abstellen, 19 Mal am selben Stück Strand ihre Bocciakugeln danebenwerfen und 19 Mal die Ansichtskarte mit demselben Motiv abschicken?

Beginnen wir, wenig überraschend – in Jesolo. Beim allerersten Mal ist es ja noch aufregend.

An einem Sommertag in den siebziger Jahren, als Kinder im Auto noch ungesichert auf der Rückbank schlafen, wecken mich meine Eltern und sagen: "Wir sind da." Wir sind sehr lange unterwegs gewesen, so lange wie noch nie. Wir haben eine Grenze überquert, Zöllner in unbekannten Uniformen haben zum Fenster reingesehen. Zwischendurch habe ich gekotzt, wegen der Kurven und wohl auch wegen der Aufregung. Und jetzt wache ich in einem fremden Land auf mit einer anderen Sprache und anderem Geld. Wir würden 14 Tage hierbleiben, in einem Apartment. Meine Eltern sprechen das Wort französisch aus. Appartement, ich weiß nicht genau, was es bedeutet. Es entpuppt sich als Wohnung. Wir haben im Kofferraum alles mitgebracht, was wir in 14 Tagen benötigen – Fleisch, Salz, Mehl, Paprika, Nudeln, Senf, Bier, alles. Selber kochen spart Geld, sagt Mama, und was wir mithaben, brauchen wir nicht zu kaufen.

Während Mama auspackt, gehen Papa und ich zum Strand. Aus der Ferne sieht man den Sand kaum, es ist alles voller bunter Sonnenschirme und sehr vieler Menschen. Das Durcheinander ist wunderschön. Ich renne ins Wasser, es ist warm und seicht, und als ich zum ersten Mal untertauche, habe ich einen scheußlichen Geschmack im Mund. Ich hatte zwar gewusst, dass Meerwasser salzig ist, aber nur in der Theorie.

Am Abend ist die Stadt riesig, laut, wild, voller Lichter. Ein Wildkätzchen liegt auf einer Parkbank und wartet darauf, gestreichelt zu werden, vierrädrige, überdachte Fahrräder ziehen auf einer breiten Straße Schlangenlinien. Wir gehen vierzehn Abende lang diese Fußgängerzone rauf und runter, und es fällt mir nicht auf, dass wir immer an denselben Geschäften vorbeilaufen, dass ich meine Eltern immer in dieselben Spielhöllen reinzuzerren versuche und dass die Stadt im Wesentlichen aus dieser einen Straße besteht.

Es ist in Wahrheit nämlich gar keine Stadt, schon gar keine riesige, wilde, sondern bloß ein den schnurgeraden, 15 Kilometer langen Strand entlanggebautes Touristenkaff. Ich finde es wunderschön, auch den Namen: Lido di Jesolo.

Man ist nie weit vom Meer entfernt. Ich kriege jeden Tag ein Eis. Die Leute sitzen abends in Ruderleibchen vor dem Haus, der Fernseher steht auf dem Fensterbrett. Die Plätze heißen Piazza. Der Lärm ist fröhlicher als zu Hause. Wir fahren Tretboot, spielen Boccia, ich baue Sandburgen und fange Krabben. Dann sind die 14 Tage um. Ich bin traurig, dass wir nach Hause fahren müssen, aber meine Eltern trösten mich und sagen: "Nächstes Jahr kommen wir wieder."

Sie halten ihr Versprechen, sie erneuern es jedes Jahr und halten es im darauffolgenden wieder. So vollzieht sich meine kindliche Prägung: Urlaub ist Jesolo. Irgendwann dämmert mir, dass Jesolo nichts Besonderes ist. Mitschüler reisen mit ihren Familien nach Spanien, nach Griechenland, an immer andere Destinationen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals gefragt zu haben, warum wir jedes Jahr an denselben Ort fahren.