Die Ehe ist ein hoffnungsvolles Wagnis. Ein Wagnis, eingegangen von zwei Menschen, die sich an eine Zukunft binden, von der sie meinen zu wissen, wie sie sein wird – von der sie in Wahrheit aber nicht die leiseste Ahnung haben. Lange Zeit haben Menschen aus rein logischen Gründen geheiratet: weil sein Stück Land neben ihrem lag, weil seine Familie ein gut gehendes Geschäft betrieb, weil ihr Vater Stadtrat war, weil das Schloss bewirtschaftet werden musste oder weil die Eltern beider Kinder an dieselbe Lesart einer Heiligen Schrift glaubten. Begleiter dieser vernunftgesteuerten Ehen sind Einsamkeit, Untreue, Missbrauch, Herzenskälte und Geschrei gewesen. Im Rückblick betrachtet, hat die Vernunftehe also nicht das Geringste mit Vernunft zu tun gehabt. Sie ist zweckdienlich, engstirnig, versnobt und ausbeuterisch gewesen. Hierin liegt der Grund dafür, dass ihre gefühlvolle Nachfolgerin, die Liebesheirat, so unkritisch gesehen wird.

Bei der Liebesehe fühlen sich zwei Menschen zueinander hingezogen. Überwältigt von ihren Gefühlen, sind sie davon überzeugt, füreinander bestimmt zu sein. Je unbedachter eine Heirat aus Liebe zu sein scheint (vielleicht hat sich das Paar erst vor sechs Monaten kennengelernt, vielleicht hat einer von beiden gerade keine Arbeit, vielleicht sind beide noch blutjung), desto richtiger kann sie sich anfühlen. Denn Leichtsinn ist das Gegengewicht zu den Irrtümern des Rationalen. Dem Bauchgefühl zu folgen ist die traumatische Reaktion auf die vielen Jahrhunderte, in denen die unvernünftige Vernunft dominierte.

Wir meinen, wir würden in der Ehe nach Glück streben. In Wahrheit jedoch streben wir nach Vertrautheit: In unserer Beziehung, die wir als Erwachsene führen, wollen wir die Gefühle unserer Kindheit zurückholen. Allerdings wird die Liebe, die wir in jungen Jahren verspürt haben, oftmals mit einer anderen, destruktiven Dynamik verwechselt – dem Gefühl, einem außer Kontrolle geratenen Erwachsenen helfen zu wollen. Insofern ist es nur allzu logisch, dass wir einen Menschen als Ehepartner nicht ablehnen, weil er schlecht für uns wäre, sondern weil er zu gut für uns ist – zu verständnisvoll, zu verlässlich, zu ausgeglichen. Und so kommt es, dass wir den falschen Menschen heiraten.

Auch die Angst vor dem Alleinsein lässt uns bei der Partnerwahl Fehler machen. Denn wenn man die Einsamkeit fürchtet, läuft man Gefahr, sich mehr in das Nichtlängeralleinsein zu verlieben als in die Person, die uns vor diesem Schicksal bewahren soll.

Und schließlich heiraten wir auch deshalb, weil wir das Schöne, das wir mit dem anderen erlebt haben, bewahren wollen. Zum Beispiel das wohlige Kribbeln, als wir das erste Mal daran dachten, ihr oder ihm einen Antrag zu machen: Vielleicht waren wir in Venedig, auf der Lagune, in einem Motorboot, die glitzernde Abendsonne ließ das Wasser funkeln, während wir uns unser Seelenleben offenbarten, auf dem Weg zu einem Abendessen in diesem köstlichen Risotto-Restaurant. Wir stellen uns vor, dass die Ehe diese Momente konservieren kann. Wir heiraten, um diese Gefühle dauerhaft zu machen. Doch die Institution Ehe hebt unser Zusammensein eher auf eine administrative Ebene, vielleicht in einem Häuschen in der Vorstadt, mit täglicher Pendelei und mit Kindern, die die Leidenschaft abtöten, der sie entsprungen sind. Das Einzige, was von den damaligen Momenten dann noch übrig ist, ist das Gegenüber – und genau das hätte man möglicherweise nicht konservieren sollen.

Wir haben die falsche Person geheiratet? Die gute Nachricht: Das macht nichts. Denn wir müssen uns nicht von ihm/ihr trennen, sondern nur von der romantischen Idee der Liebesehe. Das bedeutet, Abschied zu nehmen von der Vorstellung, es gebe ein perfektes Wesen, das all unsere Sehnsüchte stillen könne. Wir müssen akzeptieren, dass jeder Mensch uns frustrieren, verärgern und enttäuschen wird – und dass wir (ohne es böse zu meinen) ihm dasselbe antun werden. Wenn wir wählen, mit wem wir uns zusammentun, legen wir uns bloß fest, für welche spezielle Ausprägung von Leiden wir uns zu opfern bereit sind.

Die Philosophie des Pessimismus ist ein guter Eheberater. Denn Pessimismus lindert den exzessiven Fantasiedruck, den unsere romantische Kultur dem Ehestand auferlegt. Nur weil eine Person uns nicht aus unserer Melancholie retten kann, spricht das nicht gegen diese Person und auch nicht gegen die Beziehung mit ihr. Der für uns "am wenigsten falsche" Ehepartner ist nicht der, der einer (fiktiven) Vorstellung von perfekter Ergänzung entspricht, sondern derjenige, der großzügig über Unterschiede hinwegsehen kann. Kompatibilität ist die Errungenschaft der Liebe, sie darf nicht Grundvoraussetzung sein.

Romantizismus hat uns in den vergangenen 250 Jahren nicht weitergeholfen. Im Gegenteil: Vieles von dem, was wir im Laufe der Ehe erleben, lässt ihn sogar abstoßend erscheinen. Am Ende fühlen wir uns einsamer als zuvor, weil unsere Beziehung mit all ihren Unzulänglichkeiten der romantischen Idee nicht gerecht wird, ja gar nicht gerecht werden kann.

Wir sollten daher lernen, uns mit dem "Falschsein" abzufinden. Und wir sollten lernen, den Fehlern unseres Partners ebenso wie unseren eigenen Fehlern mit mehr Humor und mehr Sanftmut zu begegnen.

Aus dem Englischen von Matthias Schulz

© 2016 "New York Times"

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