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Um die Welt zu verbessern, tut Susanne Klatten etwas, das sie hasst: Sie tritt vor die Presse. Es ist ein Nachmittag im April, Klatten hat Journalisten nach Berlin geladen, in eine alte Maschinenfabrik, in der sonst Partys stattfinden. Klatten betritt den Raum mit festem Schritt und durchgedrücktem Rücken. Die Fotografen drängen nach vorn, sie knien, hocken, strecken sich, um ein gutes Motiv zu erhaschen – von Deutschlands reichster Frau.

Susanne Klatten – geborene Quandt, BMW-Großaktionärin, Aufsichtsrätin, Stifterin, 54 Jahre alt, fast 20 Milliarden schwer – trägt einen dunkelblauen Hosenanzug, flache Schuhe, kaum Schminke. Sie ist gekommen, um eine große Spende anzukündigen. 100 Millionen Euro will sie in den nächsten fünf Jahren aus ihrem Privatvermögen abgeben: an Vereine, die sich um benachteiligte Jugendliche kümmern, um Demenzkranke, Flüchtlinge und Katastrophenopfer.

Bevor Klatten ihre Millionen überweist, lässt sie die Vereine von einer Agentur durchleuchten, in einem aufwendigen Verfahren werden "Wirkungspotenzial" und "Leistungsfähigkeit" berechnet. Die Unternehmerin will nicht nur Geld geben, sie will auch wissen, ob sich die Spende lohnt. "Wir verfolgen einen neuen, wirkungsorientierten Ansatz des Spendens", sagt sie. Klatten versteht sich als Investorin und hofft auf "gesellschaftliche Rendite". Sie spricht in kurzen, nüchternen Sätzen, sie könnte in diesem Ton auch eine Aufsichtsratssitzung leiten.

Man kann Klattens spektakuläre Großspende, die sie selbst einen "maßgeblichen Betrag" nennt, als Neuerfindung deuten. Sie soll eine neue Erzählung über sie begründen, eine Geschichte, die sie selbst kontrollieren kann.

Klatten möchte nicht mehr wahrgenommen werden als die Erbin, der Reichtum und Macht in den Schoß gefallen sind. Sie wird später im Gespräch sagen: "Das ist schon befremdlich, wenn man mit Mitte fünfzig immer noch für alle die Erbin ist." Außerdem ist die Spende ihr erster großer öffentlicher Auftritt seit vier Jahren, seit dem Prozess um einen Mann, in den sich die dreifache Mutter im Urlaub verliebt und der sie mit intimen Videos erpresst hatte. Es gab damals nicht nur eine Geschichte in Zeitungen und Magazinen, in der Journalisten von der "armen reichen Frau" berichteten.

Nun will Klatten selbst steuern, wofür sie in der Öffentlichkeit steht. Sie fügt mit ihrer 100-Millionen-Euro-Spende den Superlativen, die an ihrem Namen kleben, einen neuen hinzu: Deutschlands größte Wohltäterin.

Es geht dabei aber um viel mehr als um Susanne Klatten allein. Es geht um die Frage, wie stark einzelne Milliardäre mit ihrem Geld Einfluss auf das Gemeinwohl nehmen – und ob ihre unternehmerischen Methoden besser sind als die von Gemeinden, Staaten und Vereinten Nationen.

Susanne Klattens Spende ist nur Teil einer Revolution des Gebens. Betrieben wird sie von Milliardären, die keine Mäzene mehr sein wollen, sondern Titanen des Guten. Die dem Staat nicht zutrauen, die Welt zu retten. Deshalb bezahlen sie als Privatunternehmer möglichst wenig Steuern und investieren den Reichtum dann dort, wo er besonders viel Gutes für die Menschheit bewirken soll.

Mutter der Bewegung ist eine Plattform, die der Softwareunternehmer Bill Gates und der Investor Warren Buffett vor sechs Jahren ins Leben riefen. Dort haben sich bislang knapp 150 Milliardäre verpflichtet, den Großteil ihres Vermögens für philanthropische Zwecke herzugeben, vom Airbnb-Gründer Nathan Blecharczyk in den USA bis zum britischen Flug- und Musikmilliardär Richard Branson. Viele von ihnen rufen zudem eigene Initiativen ins Leben – Branson zum Beispiel das "B-Team" von Unternehmern und Managern, die Weltrettungsprojekte unterstützen wollen.

Die Entwicklung ist so radikal, dass unter NGOs und Experten die Furcht kursiert, bald könnten nicht mehr demokratisch gewählte Politiker, sondern Milliardäre wie Bill Gates und Susanne Klatten entscheiden, welche sozialen Probleme gelöst werden – und welche nicht. Superreiche Spender, schrieb kürzlich das Manager Magazin, würden zur "fünften Macht im Staat".