Am Tag, als sich das Schicksal der russischen Sportler entscheidet, lächelt in einer unauffälligen russischen Kleinstadt nahe Moskau die Hochspringerin Maria Kutschina gequält in ein Dutzend Kameras. Es ist sonnig, bald beginnen die Olympischen Spiele, die Begeisterung könnte groß sein, aber zu diesem Leichtathletikwettbewerb sind kaum Zuschauer gekommen. Dafür Journalisten, die Kutschina ausfragen, wie sie sich fühlt. Kutschina ist gerade zwei Meter hoch gesprungen, sie hätte beste Chancen bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Allein: Sie wird nicht hinfahren. Ebenso wenig wie die anderen 67 nominierten russischen Leichtathleten. Der Leichtathletik-Weltverband hatte am 17. Juni die russischen Sportler wegen systematischen Dopings auf unbestimmte Zeit suspendiert. Begründung: "An der Kultur des Dopings und daran, dass es toleriert wird, hat sich bis heute nichts geändert." Jetzt wies der Internationale Sportgerichtshof die Klage der 68 Leichtathleten gegen das Startverbot ab.

Kutschina spricht über ihre Wut und ihre Enttäuschung. "Das kann nicht sein", sagt sie. Sie könnte alles verlieren: Startgeld, Prämien, womöglich springen Sponsoren ab. Sie hofft, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) doch noch anders entscheiden wird und einzelne Leichtathleten, die als sauber gelten, zulässt. Ihr Trainer Gennadi Gabriljan verliert die Fassung: "Man hält ihr die Pistole an die Schläfe und fragt sie nach ihren Gefühlen und ihren Plänen. Was soll sie da sagen, solange wir nicht wissen: Drücken sie ab oder nicht?"

Sie drücken ab, und der Kreml ist trotzdem erleichtert. Denn es hätte noch viel schlimmer kommen können für Russland. Am vergangenen Sonntag befand das IOC, dass die einzelnen Weltverbände entscheiden sollen, ob sie russische Sportler bei Olympia in Rio zulassen wollen. Einzige Voraussetzung: kein Nachweis von Doping. Da der Leichtathletikverband bereits entschieden hatte, bleiben die russischen Leichtathleten zu Hause. Nur die Weitspringerin Darja Klischina darf mit. Die Russin trainiert in den USA und unterzieht sich dortigen Dopingkontrollen. Die anderen russischen Sportler aber könnten teilnehmen, sofern die Verbände sie zulassen. Damit war nicht zu rechnen. Denn die Vorwürfe systematischen Dopings gelten nicht nur der Leichtathletik, sie betreffen den gesamten russischen Sport.

Im Dezember 2014 strahlt die ARD eine Dokumentation des Journalisten Hajo Seppelt aus. Seppelt weist systematisches Doping im russischen Sport nach und lässt zwei Kronzeugen zu Wort kommen, die mit dem russischen Sportsystem bestens vertraut sind: die Mittelstreckenläuferin Julia Stepanowa sowie ihren Ehemann Witali Stepanow, ehemaliger Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada. Die Reportage erschüttert die Sportwelt. Später setzt sich der frühere Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors in die USA ab und packt über die Machenschaften im Sport aus. Sowohl die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) als auch der Leichtathletik-Weltverband kündigen Untersuchungen an. Ihre Ergebnisse stürzen den russischen Sport in seine schwerste Krise. Die Wada wirft Russland vor, mithilfe des Inlandsgeheimdienstes FSB Dopingproben systematisch manipuliert oder verhindert zu haben. Urinbehälter wurden ausgetauscht, versiegelte Becher geöffnet und umgefüllt. Laut dem jüngsten Bericht des federführenden Wada-Ermittlers, des Kanadiers Richard McLaren, sollen bei Wettkämpfen zwischen 2012 und 2015 mindestens 643 positive Dopingproben vernichtet worden sein, quer durch alle Sommer- und Winterdisziplinen.

Russische Funktionäre versprachen Besserung. Der russische Leichtathletikverband bekam eine neue Führung. Sportler können fortan anonym Doping melden. So wie der stellvertretende Sportminister verloren fast alle Funktionäre, die in dem McLaren-Bericht namentlich erwähnt wurden, zumindest vorläufig ihre Posten. Trainer, die nachweislich in das System verwickelt waren, wurden zumindest offiziell suspendiert. Die russische Anti-Doping-Agentur Rusada verlor ihre Lizenz; fortan wurden die Sportler von ausländischen Agenturen kontrolliert.