Heute gilt die gegenseitige Kontrolle als wichtigstes Verfahren der wissenschaftlichen Qualitätssicherung. Fachzeitschriften veröffentlichen ihre Artikel nur, wenn mindestens zwei anonyme Gutachter den Beitrag für fundiert, plausibel und innovativ halten. Selbst dann geht das Manuskript fast immer mit der Bitte um Überarbeitung an den Autor zurück. Als US-Präsident Barack Obama für das Journal of the American Medical Association einen Aufsatz zum Stand seiner Gesundheitsreform verfasste, musste auch er selbstverständlich durch das Peer-Review-Verfahren. In dieser Woche erscheint der Text.

Die wechselseitige Begutachtung symbolisiert die Macht der Wissenschaft und ihre Unabhängigkeit gegenüber Politik, Geldgebern und Öffentlichkeit. Die Botschaft ist klar: Was gute Forschung ist, bestimmen wir allein. Ihr dürft uns da vertrauen.

Dabei begleitete das interne Schiedsrichtersystem von Anfang an auch Kritik. Das Peer-Review verlangsame den Forschungsprozess, es sei unzuverlässig, intransparent und anfällig für Manipulation. Tatsächlich zeigten Studien, dass weibliche Wissenschaftler bei der Beurteilung im Schnitt schlechter wegkommen als männliche. Ebenso hat es ein Forscher aus Hamburg schwerer als einer aus Harvard, selbst wenn beide dasselbe Manuskript einreichen.

Auch der Umstand, dass Gutachter meist etablierte Wissenschaftler sind, scheint einen Preis zu haben: Unkonventionelle, womöglich bahnbrechende Forschung hat es schwerer als solche, die auf bekannten Schienen läuft. Schon 1796 lehnten die Gutachter der Philosophical Transactions einen Bericht von Edward Jenners über die Pockenimpfung ab, da diese ihnen fragwürdig erschien. John Ioannidis, ein bekannter Kritiker des heutigen Forschungsbetriebs von der Stanford University, fasste die Kritik einmal so zusammen: Wäre das Peer-Review eine Arznei, sie würde heute nicht mehr zugelassen.

Trotz dieser Skepsis ist das Heilmittel heute weiter verbreitet denn je. Wissenschaftler weltweit verstehen die Kollegenkontrolle als fast heilige Pflicht. Wenn das Peer-Review also in die Krise geraten ist, dann nicht zuerst wegen seiner Schwächen. Vielmehr droht das System an seinem eigenen Erfolg zu ersticken. Denn nicht nur der gesamte Erkenntnisfortschritt, festgehalten in wissenschaftlichen Artikeln, geht durch das Peer-Review. Auch wenn es um die Verteilung von Geld, Reputation oder Karrierechancen geht, wird begutachtet. Und nicht nur Zeitschriften, die ernst genommen werden wollen, müssen heute Gutachter beschäftigen. Auch Studiengänge, Institute, Universitäten oder ganze Wissenschaftssysteme werden per Peer-Review bewertet.

Zudem wird keine Stelle mehr vergeben, ohne vorher Expertenurteile über die Kandidaten einzuholen. Das gilt mittlerweile auch für Posten weit unterhalb der Professur, ja selbst für eine Promotion. Früher musste ein Studierender nur die Gunst eines einzelnen Professors genießen, um promovieren zu dürfen. Jetzt brauche er zwei, manchmal sogar drei Empfehlungen – zumindest wenn er seine Doktorarbeit an einer der neuen Graduiertenschulen verfassen möchte, sagt Karin Gottschall, Gründungsdirektorin der Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS).