Niemand bei den Essener Genossen bekam mit, dass die Abgeordnete Petra Hinz ihren Lebenslauf gefälscht hatte? Viele ahnten es, manche wussten es, andere frisierten ihre Vita ebenso. Denn Bildung war Macht. Die Geschichte einer verschlagenen Sippe.

Am Sonntagnachmittag dieser Woche sitzt der Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen in seinem Ferienhaus nahe dem Städtchen Dornum an der Nordseeküste, eigentlich wollte er mit seiner Familie zum Strand gehen und später vielleicht noch einen Kriminalroman lesen. Was man halt so macht, wenn man im Urlaub ist. Doch Thomas Kutschaty muss sich wieder mit diesen Fragen herumschlagen. Diesmal werden sie ihm von Reportern der ZEIT gestellt. Haben Sie wirklich nicht gewusst, dass Ihre Genossin, die Essener Bundestagsabgeordnete Petra Hinz, ihren Lebenslauf gefälscht hatte? Dass sie sich ein Abitur in ihre Vita geschrieben hatte, das sie nicht hat, und Staatsexamina in einem Jurastudium erfand, das sie nie begonnen hatte? Das wussten Sie nicht, Herr Kutschaty, obwohl Sie an der Spitze der Essener SPD stehen?

Seit der Minister am Dienstagmorgen vergangener Woche eine E-Mail von der Redaktion des Essener Lokalmagazins Informer bekam, kreiste alles um diese Fragen. In der E-Mail stand, dass "glaubhafte Hinweise von Informanten vorliegen, nach denen die Abgeordnete Hinz bei ihrem Lebenslauf nicht ehrlich gewesen sein soll".

"Das war um 11.37 Uhr", sagt Kutschaty, er erinnert sich genau. Es war der Zeitpunkt, kurz bevor die Lebenslüge der 54-jährigen Petra Hinz aufflog. Für Kutschaty war es der Zeitpunkt, an dem sein Urlaubsgefühl in immer weitere Ferne rückte und er sich an den Lebensweg einer Genossin erinnern musste, mit der ihn viel verbindet – die Partei, die Stadt, das politische Milieu.

Die akademischen Weihen von Politikern stehen seit den Plagiatsaffären um Karl-Theodor zu Guttenberg und Annette Schavan unter Verdacht. Schon diese Fälle haben die Glaubwürdigkeit von Politikern beschädigt. Im Fall Petra Hinz geht es aber nicht um falsch zitierte Textpassagen, fehlende Fußnoten oder Schummeleien. Es geht um ein erlogenes Leben. Petra Hinz, so viel steht fest, besitzt die Fachhochschulreife. Das ist mehr, als viele andere Schüler zu Beginn der achtziger Jahren erreichten. Aber sie war damit nicht zufrieden. In ihrer Partei gab sie sich als Jurastudentin aus. So steht es in einem Schreiben ihrer Rechtsanwälte, das Petra Hinz inzwischen auf ihrer Homepage veröffentlicht hat.

Noch in der Nacht zum Mittwoch vergangener Woche, erzählt Kutschaty, habe er Petra Hinz in einem langen Telefonat dazu aufgefordert, als Abgeordnete des Bundestags zurückzutreten. Dies habe sie zunächst abgelehnt. Dann riefen lauter Genossen und Journalisten bei ihm an. Zwei- bis dreimal am Tag lädt er seitdem sein Handy auf.

Im Wohnzimmer des Ferienhauses an der Nordsee setzt er eine große Kanne Friesentee auf. Das Gespräch über Hinz wird länger dauern. Immer wieder arbeitete Kutschaty mit ihr zusammen und leitete zuletzt gemeinsam mit ihr die Partei in Essen. Hinz und Kutschaty waren kommissarische Vorsitzende, nachdem eine Vorgängerin vor einem halben Jahr das Amt aufgegeben hatte. Wie konnte es passieren, dass Petra Hinz Fachwissen in einem Berufsfeld simulierte, in dem es ständig um Gesetze geht? Wie gelang es ihr, mit dieser Lüge 30 Jahre lang durchzukommen, bis in den Bundestag, ohne dass jemand in der SPD den Schwindel durchschaute? Nicht einmal der studierte Jurist Kutschaty?

"Es gab da mal so Gerüchte, Ende der achtziger Jahre", sagt er. "Petra Hinz hat dann aber klargestellt, dass sie natürlich Jura studiere, und dann hat das keinen mehr interessiert. Auch mich nicht. Ich hatte ja damals gar nichts mit ihr zu tun. Sie war in einem anderen Essener Ortsverein als ich. Man kannte sich kaum." Irgendwann habe er das Gerücht vergessen. "Wenn man politisch miteinander arbeitet, fragt man nicht nach Lebensläufen. Das prüft auch keiner nach."

Im Essener Südwesten wohnt sie in einem Mehrfamilienhaus auf der Margarethenhöhe, an dessen Fassade Efeu wuchert. Auf der Margarethenhöhe, einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründeten Gartenstadt, die zum Teil unter Denkmalschutz steht, möchten viele Menschen in Essen leben. Hübsche Häuser mit grün lackierten Fensterläden, günstige Mieten, kaum Straßenverkehr, in der Umgebung viel Wald.

Klingelt man bei Petra Hinz, öffnet niemand. Die Vorhänge an den Fenstern sind zugezogen. Ruft man Petra Hinz auf dem Handy an, dauert das Gespräch gerade mal 20 Sekunden. "Von mir gibt es keine Kommentierung", sagt sie in bestimmtem Ton. Ob sie nicht ihre Version der Geschichte erzählen wolle? "Vielleicht später einmal." Danach ist das Telefonat beendet.

Begibt man sich in Essen auf die Suche nach Menschen, die Petra Hinz gut kennen, dann wird man schnell fündig. Dutzende Genossen erzählen Geschichten über sie. Zunächst sind es nur Gerüchte, die man erfährt. So geht es los. Das ist die erste Etappe auf dem Weg zu den vielen Wahrheiten rund um Petra Hinz. Allgemein bekannt gewesen sei: Petra Hinz hat nie studiert. "Diese Gerüchte gab es in unserer Juso-Generation, aber sie haben mich damals nicht interessiert", sagt Britta Altenkamp, die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag. Bis Februar dieses Jahres war sie auch Vorsitzende der SPD in Essen. Sie machte parallel zu Petra Hinz Karriere, allerdings mithilfe eines verfeindeten Lagers innerhalb der Essener SPD. "Wir konnten nie etwas miteinander anfangen", sagt Britta Altenkamp, und es habe damals Wichtigeres gegeben als Lebensläufe: politische Konflikte, der Seeheimer Kreis gegen die Parteilinke, Machtkämpfe im Essener Stadtrat. "Aber ein gefälschtes Studium? Darüber hat niemand groß gesprochen."