Mal ehrlich: Ist Ihr Kind ein Wunschkind – oder war es doch nicht so ganz geplant, auch wenn Sie inzwischen glücklich mit ihm sind? Das geht niemanden etwas an, könnten Sie sagen. Und: Das würde sowieso niemand zugeben. Oder doch?

Das Online-Marktforschungsinstitut YouGov hat jetzt mehr als 1.200 Eltern befragt. Das Ergebnis: 61 Prozent sagten: "Mein Kind ist ein Wunschkind" (ohne dass dieser Begriff näher definiert wurde). 39 Prozent kreuzten dieses Kästchen nicht an. Offenbar ist das Kinderkriegen also weniger durchgetaktet, als man angesichts der Debatte über Vereinbarkeit von Familie und Beruf annehmen könnte. Kinder kommen eben nicht nur zur Welt, wenn der ersehnte unbefristete Arbeitsvertrag unterschrieben ist, sondern oft auch ungeplant, manchmal ungewollt.

YouGov ging aber einen Schritt weiter und stellte auch Fragen zu einem noch heikleren Thema: Eltern, die bereuen, Eltern geworden zu sein. "Wenn ich mich heute noch einmal entscheiden könnte, würde ich keine Kinder mehr bekommen wollen" – acht Prozent der Befragten stimmten dieser Aussage "voll und ganz" zu. Und weitere elf Prozent stimmten ihr "eher" zu.

Diese repräsentativen Ergebnisse rühren an ein Tabu: Darf man es bereuen, ein Kind bekommen zu haben? Darüber wurde im vergangenen Jahr heftig gestritten. Ausgelöst hatte diese Diskussion die israelische Soziologin Orna Donath mit ihrer Studie "Regretting Motherhood". Sie hatte 23 Mütter befragt, die sich allesamt gegen Kinder entscheiden würden, könnten sie noch einmal wählen. In Deutschland hatte das eine Debatte entfacht, in der sich Mütter zu Wort meldeten, die erleichtert waren, dass sie nun ebenfalls zugeben konnten, nicht voll und ganz von der Mutterrolle erfüllt zu sein – und andere, die sich über den angeblichen Egoismus dieser Frauen ereiferten.

Doch obwohl YouGov an Donaths Studie anknüpft, unterscheiden sich die Konzepte. Die von Donath befragten Frauen würden unter keinen Umständen wieder Mutter werden wollen, weil sie darin einfach keine Erfüllung finden – obwohl sie ihre Kinder lieben, wie fast alle betonten. Die Soziologin wollte mit ihrer Studie zeigen, dass die Mutterrolle Frauen nicht automatisch glücklich macht.

Für die in der aktuellen Studie Befragten dagegen tragen offenbar auch die äußeren Umstände dazu bei, dass sie sich nicht noch einmal für Kinder entscheiden würden: 61 Prozent derer, die dies sicher von sich sagten, meinten, ihr beruflicher Aufstieg wäre ohne Kinder besser verlaufen. Von allen befragten Eltern glaubten das nur 33 Prozent. Und 72 Prozent der Eltern, die keine Kinder mehr bekommen wollen, könnten sie sich noch einmal entscheiden, denken manchmal, dass sie sich für ihre Kinder und die Familie aufgeopfert haben. Von allen befragten Eltern sagten das nur 44 Prozent. Der Mangel an Betreuungsmöglichkeiten dagegen scheint nicht so wichtig zu sein: Zwar fanden 68 Prozent derer, die sicher nicht noch einmal Kinder bekommen würden, dass es zu wenig Betreuungsmöglichkeiten gebe. Von allen befragten Eltern sagten das aber fast genauso viele, nämlich 63 Prozent.

Für viele der Bereuenden spielt offenbar auch eine Rolle, dass sie ihr Leben wegen ihrer Kinder ändern mussten: 81 Prozent derer, die sich nicht noch einmal für Kinder entscheiden würden, sagten: Es gab Momente in meinem Leben, in denen ich durch mein Elternsein in meiner persönlichen Entfaltung eingeschränkt wurde. Von allen Eltern sagten das nur 52 Prozent.

Aber auch das Einkommen beeinflusst die Einstellung zum Elterndasein: Mütter und Väter mit einem Haushaltsnettoeinkommen von weniger als 1.500 Euro sagten häufiger als solche mit einem höheren Einkommen, sie würden sich nicht noch einmal für Kinder entscheiden.

Eine Stärke dieser Umfrage ist, dass sie sich nicht auf Mütter beschränkt. Ein interessantes Ergebnis: Männer und Frauen sagen etwa gleich oft, dass sie nicht noch einmal Kinder bekommen würden – sieben Prozent der Väter und neun Prozent der Mütter antworteten so. Uneins waren sie sich jedoch darin, für wen die Elternrolle heute im Allgemeinen schwerer ist. Männer meinten eher, dass dies für Väter zutreffe, Frauen dagegen, die Mütter hätten es schwerer.

Doch trotz aller Schwierigkeiten – 99 Prozent der Eltern, die sicher nicht noch einmal Nachwuchs bekommen würden, sagten: "Ich liebe meine Kinder." Offenbar können also beide Gefühle nebeneinander existieren.

Die Teilnehmer der YouGov-Umfrage beantworteten die Fragen an ihrem Rechner, ohne dass sie von einem Interviewer befragt wurden. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie ehrliche Antworten geben und nicht solche, von denen sie denken, der Interviewer würde sie gutheißen. Die Rücksicht auf diese soziale Erwünschtheit, wie Fachleute das nennen, kann die Ergebnisse von Umfragen verfälschen. Mit Online-Fragebögen lässt sie sich zwar nicht ausschließen, aber minimieren.

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