Drei Wochen vor dem Beginn der Olympischen Spiele, an einem Dienstagnachmittag, schiebt sich ein Kleinlaster durch die Gassen der Favela Maré. Er hat Joghurtdrinks geladen. Als der Transporter sich über die Schlaglöcher quält, vorbei an Backsteinbauten und unter niedrig hängenden Stromkabeln her, macht in dem Armutsviertel eine Nachricht die Runde: Die Drogenbande "Rotes Kommando" gibt einen aus!

Dann wird in der Maré der Joghurt verteilt, von jungen Männern mit schwarz glänzenden Gewehren. Weiter hinten verladen sie versteckte Fracht in ein Häuschen: Kokain, Marihuana, Crack. "Die Ware muss umgepackt werden", erklärt Jonny, ein Informant aus der Szene. Ein Teil der Drogen wandert in Päckchen unterschiedlicher Handelsgröße für den Einzelverkauf. Ein anderer Teil wird für den Großhandel umgepackt, Kuriere bringen ihn in andere Teile der Stadt.

Wozu der Joghurt? "Tarnung – und kleine Geschenke erhalten die Freundschaft", sagt Jonny, dessen Name für diesen Artikel auf Wunsch geändert wurde. Er ist in diesem Geschäft zu Hause. Sein Bruder betrieb jahrelang eine boca de fumo in der Maré ("Mund voll Rauch"), wie man die Drogenverkaufsstände in Rio nennt. Etwa 5.000 Euro am Tag schlug der Familienbetrieb um, und es war normal, dass die Brüder bei ihrer Mutter zu Hause Waffen und Taschen voller Kokainplatten abstellten. Vorübergehend mache er jetzt Pause, behauptet Jonny: Sein Bruder sitze im Gefängnis. Doch demnächst kehre er wieder zurück.

Es ist diese geschäftsmäßige Normalität, die im Gespräch mit Jonny am meisten erschreckt, der Gestus des freundlichen Krämers von nebenan. Und in der Tat: In einem Großteil der Stadt tun die Banden, was sie wollen – als wäre es das Normalste überhaupt.

Alle Welt hat in den vergangenen Tagen über die Sicherheitslage während der Olympischen Spiele spekuliert, die am 5. August beginnen werden; von drohendem Terror war die Rede, und Brasiliens Bundespolizei buchtete eine lose Gruppe von IS-Sympathisanten ein. Doch Rios Polizisten stehen vor einer viel konkreteren Gefahr: Werden die Drogenkartelle die Stadt ausgerechnet zu den Spielen wieder mit Bandenkriegen überziehen, wie es in den schlimmen neunziger Jahren der Fall war?

Die Maré ist eine der größten Favelas Rios, schätzungsweise 130.000 Menschen leben hier. Jeder Besucher, der vom internationalen Flughafen in die Innenstadt fährt, bekommt dieses Armutsgebiet entlang der Stadtautobahn zu Gesicht, er fährt sogar knapp 300 Meter am Hauptquartier des Roten Kommandos vorbei. Mittlerweile sind Militärs in der Gegend aufmarschiert, Polizeitruppen fahren mit Panzern umher. "Und was hat sich geändert? Gar nichts", sagt Jonny und lacht.

Der Gangsterlook steht dem jungen Kerl gut. Die krausen tiefschwarzen Haare presst er fest an den Kopf, darüber stülpt er eine Kappe und ein Hoodie, aus dem Kopfhörer ragen. Feiner Oberlippenbart, sorgsam zurechtgezupfte Augenbrauen. Den Gestank der offenen Abwasserkanäle in der Favela überdeckt ein Herrenparfüm. "Hin und wieder" liefere er Drogen in der reichen Südstadt aus, sagt Jonny, "gelegentlich" habe er schon Leute an Bankautomaten mit der Waffe ausgenommen. Und er habe bereits drei Menschen getötet. Er finde Gefallen an abenteuerlichen Fluchten und Schießereien. "Ich liebe das Adrenalin im Blut", sagt er, "und das Gefühl, eine Waffe in der Hand zu halten."

Das also ist Jonny. Erzählen wir jetzt von einem, der auf der Gegenseite steht.

Im Central do Brasil, dem Zentralbahnhof von Rio, gibt es einen schwer bewachten Seitenaufgang. Er führt nicht zu den Gleisen, sondern zu einem der umstrittensten Männer von Rio de Janeiro. José Mariano Beltrame – 59 Jahre alt, ein drahtiger Mann mit Tenorstimme und rastlos-nervöser Art – überblickt von hier einen großen Teil der Innenstadt. Er kann das Meer der Hochhäuser in den Geschäftsvierteln sehen und weiter hinten die bürgerlichen Viertel. Beltrame blickt auch auf die Hügelketten, die sich mitten in der Stadt erheben und die von Armenvierteln überzogen sind. In diesen Favelas lebt ein gutes Viertel der Bevölkerung. Die meisten dieser Territorien werden von Drogenbanden kontrolliert oder von Milizen, die Schutzgeld erpressen.