Es braucht nicht viel Fantasie, sich Max M.* und Bernhard R. als friedfertige Handwerkskollegen vorzustellen. Sie hätten sich, Heizungsinstallateur der eine, Dachklempner der andere, auf einer Baustelle begegnen können, vor zehn oder fünfzehn Jahren. In der Frühstückspause hätten sie Mettbrötchen verzehrt und vielleicht über den Architekten gespöttelt, der ein paar alte Balken "Holzsituation" nennt.

Enger wäre der Kontakt wohl kaum geworden. Die Kommunikationsstile der zwei Männer sind zu gegensätzlich. Max M. verknappt Sätze auf ihr grammatisches und inhaltliches Minimum. Er sagt: "Früher, Linksaußen", wenn er mitteilen möchte, dass er in der Jugend ein passionierter Fußballspieler war. Bernhard R. hingegen quasselt ins Uferlose. Wer ihn nach seiner Postadresse fragt, erfährt auch gleich, wer neben, unter und über ihm wohnt, wer jüngst in die dritte Etage einzog und von welcher Firma der Möbeltransporter geliehen war. Max M. presst sich Worte ab, aus Bernhard R. stürzen die Wortfontänen nur so heraus. Beides aber scheint gleichermaßen Auswirkung starken inneren Drucks zu sein.

In der Realität treffen sie am 5. November 2014 in einem Waggon der Berliner S-Bahn aufeinander. Ihre Handwerksberufe üben zu diesem Zeitpunkt beide nicht mehr aus. Bernhard R., 64 Jahre alt, ist in Rente. Max M., 43 Jahre, schlägt sich als Fahrkartenkontrolleur durchs Leben. Die Installationsfirma, die ihn zuletzt beschäftigte, ging in Konkurs, bei einer anderen kam er nicht mehr unter. An diesem Tag ist er der Chef eines dreiköpfigen Kontrollteams. Es ist später Vormittag, 10.45 Uhr. An der Haltestelle Friedrichstraße steigt Max M. mit zwei Kontrolleurinnen in den Waggon, in dem Bernhard R. sitzt. Sie tragen straßentypische Durchschnittskleidung, die ihre Funktion nicht sofort erkennen und Schwarzfahrer nicht auf die Idee kommen lässt, im letzten Moment davonzustürmen. Die Türen schließen sich. "Fahrkartenkontrolle!", ruft Max M.

"Stasimethoden" lasse er sich nicht bieten, ruft der Rentner

Jeder kennt die kollektive Schrecksekunde, die dieser Ansage folgt, die geduckte Beklommenheit, die sie im Waggon erzeugt. Jeder holt seinen Fahrschein heraus oder versucht, wenn er keinen hat, sich zu verkrümeln. Ein Teil des Jobs von Max M., der früher Heizungen einbaute, besteht darin, mit seinem Auftritt die Atmosphäre abzukühlen. Ein anderer Teil darin, unentwegt mit Publikum konfrontiert zu sein, das ihm bestenfalls Gleichgültigkeit, nicht selten Verachtung entgegenbringt. In der Hierarchie der Ordnungshütung steht der Fahrkartenkontrolleur ganz unten. Ein Loser, der sich als Cop aufspielt. Dies ist, mehr oder weniger, sein Prestige. Was er können muss, lässt sich in einem vierwöchigen Seminar lernen. Unter anderem ist es die Fähigkeit, lange Diskussionen, wirre Ausreden, verwickelte Schwarzfahrerstorys an sich abprallen und keine noch so herzzerreißende Ausnahme von der Regel durchgehen zu lassen. Wahrscheinlich gelingt dies nur mit einer strammen Portion Gegenverachtung.

Die Kontrolleure verteilen sich im Waggon. Mit Max M. ist an diesem Tag Sandra K.*, 32 Jahre, im Einsatz. Sie kontrolliert die Sitzreihe, in der sich Bernhard R. befindet. Er kramt. Schließlich hält er Sandra K. einen zweimal abgestempelten, ungültigen Fahrschein hin. Der Zug nähert sich dem Hauptbahnhof. Sandra K. fordert Bernhard R. auf, mit ihr auszusteigen, um seine Personalien aufzunehmen. Er poltert sofort los. Für einen Rentner, der monatlich 848 Euro Rente bezieht, bedeutet die Aussicht, 40 Euro als "erhöhtes Beförderungsentgelt" einzubüßen, zweifellos mehr als einen ärgerlichen Verlust. Max M. eilt durch den Waggon, um Sandra K. die Auseinandersetzung mit dem lärmenden Fahrgast abzunehmen, dessen verbale Hemmungslosigkeit sich jetzt erst richtig entfaltet. "Diese Stasimethoden", schreit Bernhard R., lasse er sich "nicht bieten", hier müsse "mal einer mit der Kalaschnikow durchgehen", und so fort. Als die S-Bahn hält, packt der Kontrolleur den Rentner am Oberarm und schiebt ihn auf den Bahnsteig von Gleis 16. Beider Innendruck dürfte nun jenen Grad erreicht haben, der dem Verlauf einer Situation etwas Verzerrtes, Irrationales aufzwingt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 28.7.2016.

Im Frühsommer 2016 steht Bernhard R. jedenfalls wegen versuchten Totschlags vor dem Berliner Landgericht. Der Staatsanwalt fügt der Verlesung der Anklage den Hinweis hinzu, sollte sich im Prozessverlauf das Kriterium der Heimtücke erweisen, sei der Vorwurf des versuchten Mordes nicht auszuschließen. Nach der Aussage von Bernhard R., der sich wie üblich im Labyrinth seiner Endloserzählungen verläuft, der Aussage des einsilbigen Max M., der das Geschehen im Telegrammstil, "Eskalation, Polizei", bündelt, und der Aussage von Sandra K., die unverständlich nuschelt, meistens aber stumm nickt und verlegen kichert, ist allerdings nicht das Geringste erwiesen.

Als gesicherte Schnittmenge der drei Schilderungen ergibt sich Folgendes: Der Rentner, der dem Kontrolleur seinen Personalausweis übergeben hat, lehnt auf dem Bahnsteig an einem Geländer. Max M. steht ihm gegenüber am Gleisbett. Er schaut nach unten und tippt in sein elektronisches Kontrollgerät. Sandra K. steht seitlich abgerückt. Plötzlich macht Bernhard R. einen Schritt nach vorn. "Warum?", fragt der Vorsitzende Richter. "Na, ich wollt mich vorbeugen, schauen, ob die nächste S-Bahn kommt. Ich hatte es doch eilig." Warum hatte er es eilig? Weitschweifig erörtert Bernhard R. seinen Tagesablauf vom 5. November 2014. "Also gut", unterbricht der Richter die epische Erzählung, "als Sie den Schritt nach vorn machten, haben Sie da auch einen Arm in Richtung von Herrn M. ausgestreckt?" Vielleicht, sagt Bernhard R., habe er unwillkürlich ein bisschen mit der Hand geschlenkert. "Mehr ist da nicht passiert!"