Je größer der Schrecken, desto stärker die Sehnsucht – nach einer Erklärung, einem Gegner, nach einem Schuldigen. Oder einer Schuldigen.

Doch die Wirklichkeit sträubt sich gegen diese Sehnsüchte, in diesem Sommer von Tod und Terror sträubt sie sich sogar mehr denn je: Ein muslimischer US-Bürger mit afghanischen Wurzeln tötet Schwule in einem Nachtclub (Orlando); zweimal erschießen afroamerikanische US-Veteranen weiße Polizisten, aus Rache, wie es heißt (Dallas und Baton Rouge); ein Tunesier, verheiratet, drei Kinder, mit einem Zweitleben als tanzender und trinkender Latin Lover fährt in seinem dritten Leben über achtzig Menschen tot, der IS schickt ihm ein Halali hinterher (Nizza); ein angeblicher Afghane, der sich zum IS bekennt, will sich am Westen rächen, indem er Touristen aus China mit der Axt niederstreckt (Würzburg); ein Deutscher mit iranischen Wurzeln nimmt sich einen norwegischen rechtsradikalen Massenmörder zum Vorbild und erschießt mit einer österreichischen Pistole Jugendliche mit Migrationshintergrund (München); ein Syrer ersticht seine polnische Freundin, seine Flucht beendet ein Deutschtürke, indem er ihn anfährt (Reutlingen); ein psychisch kranker, von Abschiebung bedrohter Syrer, der schon zwei Selbstmordversuche hinter sich hat und sich zum IS bekennt, will per Sprengsatz viele Menschen töten, stirbt aber nur selbst (Ansbach); zwei Männer, die dem IS huldigen, ermorden in einer Kirche einen Priester und werden erschossen (Rouen).

Bleibt die Frage, ob brutale Abschottung die irre Wut vieler nicht noch anheizt

Das Erste, was auffällt, ist die irrwitzige Häufung – vom Monatlichen über das Wöchentliche zum Täglichen, ja Stündlichen. Als habe jemand einen Befehl an alle Mordbereiten erteilt. Diesen gab es aber nicht, sie ahmen einander nach, stacheln sich an, Einzeltäter im Herdentrieb.

Das Zweite ist die völlige Beliebigkeit – Chinesen werden als Westler getötet, psychische Krankheit bedient sich des religiösen Fanatismus und umgekehrt, die Wahl der Waffen spielt keine Rolle. So landen die Täter, die in ihrem Leben wenig waren und durch ihre Tat einzigartig werden wollten, am Ende in absoluter Beliebigkeit. Damit zeigt dieser furchtbare Sommer auch, dass all das Töten unbeteiligter, wehrloser, unschuldiger Menschen nur einen gemeinsamen Nenner hat: die Selbsterhöhung und Selbstermächtigung der Mörder, ihre Blitzkarriere vom Opfer zum Schrecken. Alles andere, Allah, Rasse, Rache, dient bloß dazu, diesen kümmerlichen Kern zu verhüllen. Das Töten hat sich in den letzten Wochen zur Kenntlichkeit entstellt.

Damit stößt die politische Instrumentalisierung der Taten an Grenzen. Bayern, das stets eine schärfere Flüchtlingspolitik gefordert hat, versäumte es, den Syrer von Ansbach abzuschieben. Sahra Wagenknecht kritisierte nach dem Attentat umgehend die Kanzlerin, doch es war ein Mitglied ihrer eigenen Partei, das sich gegen die Abschiebung des späteren Attentäters eingesetzt hat. Schließlich kam der Mann nicht etwa durch die umstrittene Entscheidung der Kanzlerin vom September 2015 nach Bayern, sondern zu einer Zeit, als Asyl für Syrer noch Konsens war.

Und wenn nicht? Was, wäre er durch die offenen Grenzen gekommen und hätte im Namen des IS Menschen in den Tod gerissen? Auch dann bliebe die Frage, warum Frankreich – das fast keine Flüchtlinge aufgenommen hat, dessen Migranten nicht aus Humanismus da sind, sondern wegen des Kolonialismus, das am stärksten militärisch engagiert ist – am schlimmsten unter dem IS-Terror leidet.

Und es bliebe die unbeantwortbare Frage, ob eine brutale Abschottung durch die deutsche Regierung die irre Wut vieler nicht noch angeheizt hätte. Wer die Flüchtlinge ganz raushalten will, muss sie zu Invasoren erklären, wer das tut, schafft eine feindselige Stimmung im Inneren, die Folgen hat. Nur Länder ohne relevante Minderheiten aus Nordafrika können von Abschottung träumen. Deutschland nicht, Frankreich nicht.

Natürlich muss jetzt über Maßnahmen diskutiert werden, über Sicherheit, Integration, Psychiatrie, noch bessere Grenzkontrollen, Afrikapolitik, mehr Polizei. Aber mit der Demut und dem Wissen, dass keine Maßnahme das Töten ganz verhindern kann. Und ohne die Toten für das eigene Rechthaben zu instrumentalisieren.

Dieser Tage spürt man neben aller Trauer auch, wie relativ wunderbar dieses verwundbare Land ist. Und zum Wunderbaren gehört die Fähigkeit, im Angesicht des mörderisch Irrationalen rational über Gegenmaßnahmen zu reden.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio