Paris, Brüssel, Istanbul, Nizza, Würzburg, München, Ansbach, die Geiselnahme in einer Kirche im französischen Saint-Étienne-du-Rouvray nahe Rouen und der Mord im Berliner Klinikum Steglitz: Immer dichter, so scheint es, wird in Europa die Ereigniskette aus Terror und Amok. Die Bilderfetzen überblenden einander und verschmelzen in der medialen Wahrnehmung zu einem riesigen Phantasma, zum Phantasma allgegenwärtiger Gewalt. Diese Gewalt, das ist der Eindruck, schlägt zu, wo sie will und wann sie will. Die Täter sind nur ihre Werkzeuge. Die Gewalt braucht einen Menschen, der sie exekutiert.

Einem Phantasma ist nur schwer beizukommen, es erzeugt seine eigenen Hysterien. Die ersten Reaktionen auf den Münchner Amoklauf, bei dem 2.600 Polizisten im Einsatz waren, besaßen zweifellos hysterische Züge; Menschen hatten Schüsse gehört, wo nachweislich keine gefallen waren, ganze Straßenzüge waren gesperrt. Und doch steckt in der subjektiven Überreaktion eine objektive Wahrheit, und die lautet schlicht: Der Selbstmord-Terrorismus zeigt Wirkung. Nach fast zwei Jahrzehnten ist sein psychologisches Kalkül aufgegangen, die Angst vor Anschlägen haust in den Köpfen, kriecht durch die Vorstellungen und kommandiert die Erwartung. Sobald ein neuer Gewaltakt bekannt wird, ist der Gedanke an einen islamistischen Anschlag der erste. Ob man will oder nicht, "Terror" ist das beherrschende assoziative Raster der Wahrnehmung.

Der Terrorismus, so heißt es oft, ist ein obszönes Theater der Grausamkeit. Sein Ziel ist ein Blutbad, bei dem mit mörderischer Entschlossenheit möglichst viele Wehrlose möglichst wahllos abgeschlachtet werden, während die Weltöffentlichkeit gezwungen wird, dem Ereignis tatenlos zuzuschauen. Das Ereignis aus dem Nichts soll der Gesellschaft ein Trauma von historischer Dimension zufügen, das sich in Generationen nicht mehr vergisst und bei dem jedermann annehmen muss, dass es sich jederzeit wiederholen kann.

Doch zu diesem barbarischen Exzess muss es gar nicht kommen. Der Terror wirkt schon dort, wo gar keiner ist: Er wirkt durch das schwarze Gift der Angst. Es infiziert den Alltag mit Misstrauen, mit dem "Es könnte sein". Terror versetzt die Welt in den Konjunktiv, in einen Latenzzustand, der Vertrautes in Unvertrautes verwandelt und das Heimliche in das Unheimliche. Terror zerstört etwas Kostbares und Fragiles, das Politiker weder verordnen noch herstellen können, sondern das sich durch gesellschaftliches Zusammenleben erst langsam einstellt: das Vertrauen in die sinnhafte Ordnung der sozialen Welt und die Geschütztheit ihrer Räume.

Die Veränderung urbaner Räume sieht man nicht, man spürt sie nur. Es ist eine andere Atmosphäre, ein anderes Klima, eine Bedrückung. Alles erscheint wie sonst und ist doch ganz anders. Angst filtert Wahrnehmungen und organisiert ihre eigene Realität. In der Realität der Angst geht ein Riss durch die Welt, sie wird abgründig und zweideutig. Gewiss ist darin, dass nichts mehr gewiss ist. Diese Ungewissheit erzeugt Epidemien des Argwohns und zwingt zur ständigen Antizipation der eigenen Verwundbarkeit. Jeder ist seine eigene Security, man lauert, checkt, sichert, rastert. Was sich auffällig bewegt, ist gefährlich, noch gefährlicher ist nur das auffällig Unauffällige. Die herrenlose Sporttasche, der merkwürdige Karton unter der schmutzigen Wolldecke.

Für die Killer des "Islamischen Staates" sind Linke und Liberale die Schlimmsten

Terror ist Krieg im Frieden, auch ohne spektakulären Schock. Er zerstört den abgeklärten zivilisierten Gleichmut, mit dem man sich durch die Menge treiben lässt; eine chronisch reizbare Wachsamkeit zersetzt die vertrauten Routinen. Ist alles so wie immer? Ist das Gewöhnliche noch gewöhnlich?

Welch eine Ironie: Die nervöse Wachsamkeit des Passanten fürchtet die Tat des erwachten Schläfers, der seine Zeit gekommen sieht und sich in der Menge bewegt wie ein Fisch im Wasser, während der alarmierte Bürger sich fühlt wie eine displaced person: Er ist auf der Flucht. Ihm erscheint der öffentliche Raum nicht mehr als Ort des Verweilens, sondern als Gefahrengebiet. Er betritt die riskante Zone nur noch, um sie eilig wieder zu verlassen.

Man könnte sich vorstellen, dass sich Stadtbewohner nach und nach in Beckettsche Menschen verwandeln. Die schwelende Erwartungsangst macht sie punktförmig, und sie ziehen sich innerlich zusammen. Sie werden zu psychotischen Weltvermeidern, erfahrungsscheu, offensiv verschlossen und präventiv entsichert. Becketts verpanzerte Monaden empfinden sich als öffentlich Eingesperrte, sie sind eingeschlossen in das Gefängnis ihrer Freiheit. Die fröhliche Pokémon-Jagd in der Öffentlichkeit widerlegt hier nichts. Sie ist der Versuch, sich jenen urbanen Raum wieder anzueignen, den man zuvor an die Gespenster der Angst verloren hat.