Was wird das nun für eine Türkei, die da am 15. Juli geboren wurde? Eine Diktatur, wie so viele schon zu wissen glauben? Ein totalitäres System? Im besten Falle eine "gelenkte Demokratie"?

So sehen es eine Menge Leute in Europa, nicht erst seit dem Putschversuch: Wir können einfach nicht mit diesem Präsidenten. Nicht mit dieser Türkei.

Die Regierung von Staatspräsident Erdoğan tut seit Jahren viel, um sich das Misstrauen der Welt zu verdienen. So auch jetzt: Zehntausende Mitarbeiter im öffentlichen Dienst wurden suspendiert, Hunderte Soldaten, Richter, Staatsanwälte, Lehrer und Journalisten festgenommen; Wissenschaftler dürfen nicht mehr ins Ausland reisen. Vom Putschversuch empfindlich getroffen, nutzt Erdoğan die Situation, um Widersacher loszuwerden.

Mit keinem Land der Welt ist Deutschland enger verbunden als mit der Türkei

Das ist die dominierende Lesart derzeit. Sie hat erdrückende Indizien für sich.

Aber sie blendet all das aus, was in diesen dunklen Tagen dennoch Hoffnung macht. Sie legt große symbolische Gesten nahe – Abbruch von Beitrittsverhandlungen, Sanktionen, irgendetwas Krasses eben – und würde Europa so am Ende politikunfähig machen.

Darum ist eine zweite Lesart vonnöten, die trotz allem Hoffnung wagt und den Raum für Politik offen hält. Da wäre zum Beispiel dies: Die überwältigende Mehrheit der türkischen Gesellschaft hat genug von Militärputschen. Sie will ihre Demokratie nicht mehr von Generalen retten lassen. Eine zerbrechliche Demokratie unter Erdoğan ist dieser Mehrheit lieber als ein "erfolgreicher" Putsch. Nicht einmal die ärgsten Gegner des Präsidenten Erdoğan wollten ihn am 15. Juli gestürzt sehen. Viele Menschen haben eben beides satt – die immer autoritärere AKP-Regierung und die angemaßte militärisch-islamische Führung durch die Putschisten.

Mit dieser Wahrheit wird auch der türkische Präsident bald umgehen müssen: Die Türken haben sich verändert. Gesellschaft und Politik sind vielstimmig wie in keinem anderen Land der Region. Regierungskritiker stehen zwar unter Druck, können sich aber immer noch Gehör verschaffen. Die Wahlkämpfe werden unfair geführt, aber selbst die Opposition bestreitet die Korrektheit der Wahlen nicht.

Mit eigenartiger Genugtuung wird nun erklärt, die Türkei sei eher Teil des Nahen Ostens als Europas. Wer das Land leichtfertig abschreibt, tut denen unrecht, die hier täglich für mehr Demokratie den Kopf hinhalten. Eine Türkei, die nicht zumindest zum Teil noch nach Europa strebt, sollte sich niemand wünschen. Zur Selbstgerechtigkeit gibt es übrigens auch keinen Anlass: Den Kontinent Europa sehen alle politischen Milieus in der Türkei in einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise, vor allem wegen des Umgangs mit den Flüchtlingen.

Auch der verklärende Blick der Europäer auf die Gülen-Bewegung trägt dazu bei: Die Unterwanderung der staatlichen Strukturen durch die Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen ist kein Hirngespinst der ungeliebten Erdoğan-Regierung. Selbst eingeschworene Gegner der AKP sehen sie lange schon als sehr reales Problem.

Was wird nun aus diesem Staat, der sich nach dem abgewehrten Putsch erneuern muss? Er müsste sich bei der Aufarbeitung an seine rechtsstaatlichen Standards erinnern (ja, die gibt es) – und zwar gerade deshalb, weil er es mit seinen ärgsten Feinden zu tun hat. Er müsste von nun an Menschen zu Beamten, Lehrern, Generalen, Polizisten machen, nicht weil sie dieser oder jener gefälligen Gruppe angehören, sondern weil sie fähig sind. Damit das gelingen kann, wäre Selbstkritik gefragt: Warum konnte oder wollte die derzeitige Regierung diese Unterwanderung nicht verhindern? Antwort: weil die AKP-Regierung und die Gülen-Bewegung einmal politische Verbündete waren. Präsident Erdoğan ist stark, aber ist er stark genug für diese Antwort?

Ist das zu viel der Hoffnung? Mit Sicherheit dann, wenn die EU sich einfach enttäuscht abwendete. Die Türkei braucht Beistand – durch enge, kritische Beobachtung –, der auch die derzeitigen Spannungen und Widersprüche aushält. Aufgeben gilt nicht. Deutschland ist mit keinem Land auf der Welt so eng verbunden wie mit der Türkei.

Die Türkei ist Teil von Deutschland, schon seit 50 Jahren.

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