Mitten in Istanbul darf sich ein türkischer Zivilist voll und ganz in den sicheren Händen der Armee wähnen. Sie kümmert sich stets und überall um ihre Landsleute, als Kunden. Und zwar ohne dass diese einen Soldatenstiefel auch nur aus der Ferne sähen.

Wenn ein Türke zum Beispiel mit einem in der Türkei produzierten Auto zur Bank fährt und am Steuer einen Schokoriegel aus heimischer Fertigung knabbert. Wenn er dabei einen Unfall baut und eine türkische Versicherung einschaltet. Wenn er dann zu Hause den Leuchter im Flur einschaltet, dessen Strom aus einem Kraftwerk am Schwarzen Meer kommt – das Militär ist stets dabei und verdient Geld damit.

Das Auto, die Schokolade, die Versicherung, die Bank, der Beton, der Strom – alles kommt aus einer Hand: von Oyak, dem Großkonzern und Allesanbieter der türkischen Armee. Das Unternehmen ist nicht nur ihr Pensionsfonds, der Geld anlegt, um die Militärs im Alter abzusichern, es ist zugleich eines der drei mächtigen Industriekonglomerate im Land. Das Unternehmen konkurriert mit den ganz Großen: den milliardenschweren Holdings der Familien Koç und Sabancı. Im Gegensatz zu den privaten Riesen jedoch ist Oyak ein Staatsbetrieb. Aber einer, der nur vom Militär und niemals direkt von der Regierung abhängig war.

Nach dem gescheiterten Putsch vom 15. Juli könnte sich für die Oyak-Holding nun vieles ändern. In einer gigantischen Säuberungswelle hat Präsident Tayyip Erdoğan bereits Gegner aus den Kadern und Kasernen entfernen lassen. Über 50.000 Beamte, Tausende Richter und Hunderte Universitätsrektoren wurden gefeuert. Jetzt sind im Zuge einer "Restrukturierung" die Soldaten dran, das betrifft auch Oyak, wo vor allem ehemalige Offiziere das Sagen haben. Das zeigt, wie sehr sich die Macht zwischen Armee und Staatschef zugunsten Erdoğans verschoben hat.

Für das Militär ist der gescheiterte Putsch vom 15. Juli der schwerste Rückschlag seit der Gründung der Republik im Jahr 1923. Noch nie zuvor war ein Staatsstreich mit Panzern gescheitert, noch nie war die Armee so gespalten. Diesmal zettelte eine Minderheit der Offiziere den Aufstand gegen die gewählte Regierung an, die Mehrheit aber stellte sich in der Putschnacht hinter den Präsidenten.

Es sieht so aus, als würde Erdoğan jetzt nicht das gesamte Militär als Gegner ansehen, wie es Regierungen bei früheren Putschversuchen taten. Er hat einen anderen Feind identifiziert. Die Regierung behauptet, dass die "parallele Struktur" des Sufi-Predigers Fethullah Gülen, der im amerikanischen Exil lebt, auch das säkulare Militär durchsetzt habe.

Für Erdoğan ist das ein hilfreiches Feindbild, es erlaubt ihm, künftig trotz des Putschversuchs mit der nach der "Säuberung" übrig gebliebenen Armee zusammenzuarbeiten. Der Krieg gegen kurdische Parteien und Terroristen vor allem im Osten des Landes geht ja weiter. Und auch der Kampf gegen Oppositionelle, Menschenrechtsgruppen, Nichtregierungsorganisationen und recherchierende Journalisten wird fortgesetzt, intensiver als zuvor.

Tatsächlich decken sich sogar viele Interessen des Staatspräsidenten und der führenden Generale, wenn es um die Politik geht. Nur in wirtschaftlichen Fragen fand man bisher nicht zusammen. Der Pensionsfonds des säkularen Militärs und die gläubigen privaten Unternehmer, die Erdoğan und dessen Partei AKP stützen, das waren zwei türkische Welten. Doch nun steht Oyak im Zentrum des Ringens zwischen Militär und Regierung, und die Frage ist: Wie unabhängig darf die Armee künftig noch Geschäfte machen?