So teuer musste ein Autobauer noch nie büßen: Rund 15 Milliarden Dollar muss der Volkswagen-Konzern in den USA bezahlen. Das sieht der Vergleich mit den Vertretern von 500.000 betrogenen Dieselkunden und den US-Behörden vor – als Schadensersatz und Kompensation für Umweltschäden. Am Dienstag segnete Richter Charles Breyer in San Francisco den Deal vorläufig ab. Der sei "fair und angemessen".

Selbst der US-Autoriese General Motors (GM), durch dessen Schlamperei bei Zündschlössern 124 Menschen ums Leben kamen, kam deutlich glimpflicher davon. Er musste am Ende nur gut 1,5 Milliarden Dollar Strafe und Schadensersatz leisten.

Auch die Wolfsburger glaubten, mit dem umfassenden Vergleich in San Francisco mit Hunderten von Klägern und den Behörden die Schadensersatzforderungen der Amerikaner zum allergrößten Teil erledigt zu haben. Bis zur vergangenen Woche.

Dann wurden sie eines Besseren belehrt. Eric Schneiderman, der ambitionierte Generalstaatsanwalt des US-Bundesstaats New York, stellte im Namen von New York sowie Maryland und Massachusetts eine weitere Zivilklage gegen den Konzern vor – wegen Verstoßes gegen Umweltgesetze dieser US-Staaten. 500 Millionen Dollar will allein New York eintreiben. Das wäre etwa so, als würde nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs auch noch das Oberlandesgericht in Hamburg oder Stuttgart Klage im selben Fall erheben.

Schneiderman kümmert es wenig, dass auch der Staat New York sowie die dort lebenden 25.000 Besitzer von manipulierten VW- und Audi-Modellen schon kräftig am großen Deal partizipieren. Er selbst hatte Ende Juni nach dem Verhandlungsergebnis in San Francisco triumphierend vorgerechnet: Jeder betroffene New Yorker könne nicht nur sein Auto zurückgeben oder reparieren lassen, sondern bekomme in jedem Fall auch noch 5.100 Dollar Entschädigung von VW obendrauf.

Das erneute Vorpreschen in New York hat die Wolfsburger überrascht. Die Manager hätten allerdings wissen müssen, dass amerikanische Justizbehörden keine Gnade kennen, wenn es um Aufklärung von Skandalen geht, die Millionen Verbraucher geschädigt haben. Die US-Seite erwartet in solchen Fällen, dass demütige Manager ihre Sünden bekennen, geschlossen zurücktreten und den Weg frei machen für einen Neuanfang.

Stattdessen habe die Reaktion Volkswagens auf den Skandal aber "gezeigt, dass das Unternehmen sein Verhalten nicht verändert habe", argumentiert Schneiderman nun. Es habe Vertuschungen gegeben. Und im vergangenen Monat habe der Aufsichtsrat ein großzügiges Bonuspaket von 70 Millionen Dollar für den Vorstand gebilligt – und schließlich den ehemaligen VW-Chef Martin Winterkorn, der laut den US-Anwälten den Betrug "orchestriert" haben soll, großzügig abgesichert. All dies sei auch noch durch die Mehrheit der Aktionäre abgesegnet worden. Uneinsichtiger geht aus Sicht der US-Kläger nicht.

Die amerikanischen Juristen glauben sogar Indizien dafür gefunden zu haben, dass auch der heutige Konzernchef Matthias Müller lange von den Dieselbetrügereien gewusst habe. "Eine Unternehmenskultur der Arroganz" zum Schaden von Kunden und Umwelt will Schneiderman ausgemacht haben – und die gehöre zur Abschreckung entsprechend sanktioniert.

Nachteil Wolfsburg: Die US-Staatsanwälte können bei ihrer Klage auf die umfangreichen Untersuchungen der Anwaltskanzlei Jones Day zurückgreifen, die Volkswagen selbst ins Haus geholt hat. Die Ergebnisse gingen an das US-Justizministerium (DOJ) – mit der Auflage an die Wolfsburger, diese vor dem endgültigen Abschluss des Deals in San Francisco nicht öffentlich zu machen.

Es sei "bedauerlich", dass einige US-Staaten jetzt auch noch Umweltklagen erheben, heißt es aus Wolfsburg, zumal diese Staaten bei dem in San Francisco erreichten Vergleich mitgewirkt hätten. Im Übrigen seien die meisten Vorwürfe nicht neu. Und zu Müller heißt es lapidar: "Wir halten die Vorwürfe für unbegründet." Mehr dürfe man nicht dazu sagen.

Helfen könnte den bedrängten Wolfsburgern, wenn die deutsche Justiz den Skandal rasch aufklären würde. Doch die lässt sich Zeit – trotz der forschen Amerikaner. Seit der Skandal im vergangenen September publik wurde, ist die Staatsanwaltschaft Braunschweig dran. Doch während Jones Day zwischenzeitlich eine dreistellige Zahl an Anwälten und Spezialisten in Wolfsburg einsetzte, um Zeugen zu befragen sowie Unterlagen zu sichten, sind es in Braunschweig gerade acht Staatsanwälte, denen eine "Soko VW" aus 20 Beamten des Landeskriminalamts Niedersachsen zuarbeitet. Jüngst habe sich die Zahl der Beschuldigten, für die ein Anfangsverdacht vorliege, von 26 auf 30 erhöht, sagt Justizsprecher Klaus Ziehe. Beim Dieselbetrug selbst sei bislang kein Vorstandsmitglied unter den Beschuldigten. Gegen Winterkorn und einen weiteren Vorstand wird wegen Marktmanipulation bei VW-Wertpapieren ermittelt. Hoffnung auf eine rasche Anklage gibt es nicht. "Der Abschluss der Ermittlungen wird wohl nicht mehr in diesem Jahr erfolgen können", sagt der Oberstaatsanwalt.

Derweil leisten sich die Wolfsburger noch eine weitere offene Flanke. Während die US-Kunden üppig entschädigt werden, sollen sich die Käufer in Deutschland und dem Rest der Welt allein mit der ärgerlichen und zeitraubenden Reparatur ihrer manipulierten Dieselautos zufriedengeben. Nicht mal eine symbolische Wiedergutmachung wurde den rund 10,5 Millionen betroffenen Kunden außerhalb der USA angeboten. Das mag nach europäischem Recht legal sein, aber klug ist es nicht. Kein Wunder, dass mittlerweile sogar die EU-Justizkommissarin Věra Jourová die Bemühungen von Verbraucherschützern in europäischen Saaten um einen fairen Schadensausgleich unterstützt.

Einen Schadensersatz in der Größenordnung des US-Deals könnte sich selbst ein kapitalstarker Konzern wie Volkswagen nicht leisten: Das würde rund 250 Milliarden Euro für die geschädigten Kunden weltweit kosten.

Dennoch: Glaubten die VW-Lenker noch vor wenigen Wochen, mit 16,2 Milliarden Euro Rückstellungen für das Geschäftsjahr 2015 den größten Batzen der Skandalfolgen verdaut zu haben, so mussten sie allein im ersten Halbjahr weitere 2,2 Milliarden für die "Dieselproblematik" abschreiben.

Und die Klage in New York dürfte nicht der letzte Schlag sein. Mindestens ein großes Strafverfahren in den USA steht noch aus. Auch in Europa droht weiteres Ungemach. Die Staatsanwälte in Braunschweig haben angekündigt, mögliche Betrugsgewinne im Rahmen eines Ordnungswidrigkeitsverfahrens abschöpfen zu wollen. Findige Anwälte versuchen in verschiedenen EU-Ländern, doch noch Schadensersatz für die düpierten VW-Kunden herauszuholen. Und nicht zuletzt sind da die milliardenschweren Klagen von Anlegern, die Volkswagen vorwerfen, der Konzern habe sie zu spät informiert. Ein Musterverfahren könnte schon bald vor dem Oberlandesgericht in Braunschweig beginnen – und möglichen weiteren Klägern die Richtung weisen.

Vielleicht ist es für VW noch nicht zu spät, eindeutige Signale an Autobesitzer und die klagewütigen US-Staatsanwälte zu senden. Ein Verzicht auf die Managerboni etwa. Doch das ist nicht in Sicht.

Nur eines scheint sicher: Es wird immer teurer. Die Nord/LB in Hannover hat ihre Schadensschätzung schon mal heraufgesetzt, auf 25 bis 35 Milliarden Euro. Wahrscheinlich sei eher das obere Ende.