DIE ZEIT: Herr Professor Fillitz, der Vertrag von Agnes Husslein, der Direktorin des Belvedere, wird nicht verlängert, weil sie gegen die hausinternen Compliance-Regeln verstoßen hat. Das ist nach Wilfried Seipel im Kunsthistorischen Museum, Peter Noever im MAK und Gerald Matt in der Kunsthalle Wien nun schon der vierte Fall, dass ein Museumschef vorzeitig gehen muss oder in die Pension komplimentiert wird. Was ist los in der Wiener Museumsszene?

Hermann Fillitz: Um diese Frage zu beantworten, muss ich weiter ausholen. Ein Museum war immer eine wissenschaftliche Institution. Heute aber zählt nicht mehr die wissenschaftliche Expertise, sondern es zählen die Management-Fähigkeiten der Direktoren, die sich dafür auch Manager-Gehälter gönnen. Von mir aus sollen die alle goldene Nockerln bekommen, aber es ist vollkommen falsch. Jahresgehälter von 280.000 oder 300.000 Euro wurden früher nie gezahlt, nicht einmal ansatzweise. Heute verdient die Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums so viel, aber auch die Direktorin des Belvedere und der Direktor der Albertina, während die Sammlungsleiter, die für den Erfolg eines Museums verantwortlich sind, mit einem Bruchteil abgespeist werden. Da hat man wirklich ein System von den Füssen auf den Kopf gestellt. Und dann kommen noch die kleinkarierten Schäbigkeiten dazu, von denen man in den letzten Wochen in den Zeitungen lesen konnte. Leute, die so handeln, sollten mit nassen Fetzen davongejagt werden.

ZEIT: Was könnte man tun, um dieses offenbar aus dem Ruder gelaufene System, das jährlich mit rund 110 Millionen aus Steuergeldern subventioniert wird, wieder funktionsfähig zu machen?

Fillitz: Man sollte, so wie in Berlin mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, eine übergeordnete Struktur schaffen und dort einen Generaldirektor hinsetzen, der von mir aus viel Geld verdient, aber auch die komplette wirtschaftliche Verantwortung für die Bundesmuseen trägt. Und in den Häusern selbst sollten wissenschaftliche Leiter sitzen, die diesen Titel auch zu Recht tragen. Man muss sich ja nur ansehen, wann die letzten wissenschaftlichen Kataloge der Sammlungen in Wien herausgegeben wurden. Stattdessen bekommt man teure Bilderbücher ohne kunsttheoretischen Wert, mit denen man nur Geld verdienen will.

ZEIT: Man hat in Wien den Eindruck, dass eine Blockbuster-Ausstellung die andere jagt und dass es schon lange kein sinnvolles Zusammenspiel der Museen mehr gibt.

Fillitz: In der Regierung Schüssel wurden die Museen aus dem Budget des Staates herausgenommen und in die Autonomie entlassen. Jedes Museum wurde ein eigener Wirtschaftskörper, der aber aufgrund der damaligen Bestimmungen nur einen Teil der Ausgaben vom Staat refundiert bekommt. Den Rest muss das Museum erwirtschaften. Es ist auf Teufel komm raus dazu verpflichtet, Geld zu verdienen.

ZEIT: Das heißt, die Kraut-und-Rüben-Politik der Bundesmuseen, die sich mittlerweile fast alle als Universalmuseen verstehen und in ihren Ausstellungen die ganze Palette der bildenden Kunst von Malerei über Skulptur, Fotografie bis hin zu Neuen Medien anbieten und mit großen Namen locken, ist vor allem ein Systemfehler?

Fillitz: Meiner Meinung nach schon. Die sogenannte Vollrechtsfähigkeit ist zu einem guten Teil dafür verantwortlich, dass jeder Museumsdirektor gegen seine Kollegen arbeitet, mit denen er eigentlich kooperieren müsste. Man versucht, oft bar jeder Logik, sich Themen und Objekte abzujagen. Die erfolgreiche Ausstellung von Ai Weiwei, die derzeit im Belvedere läuft, müsste natürlich im Museum Moderner Kunst stattfinden. Und solche Fälle gibt es Dutzende. Museumspolitisch gesehen herrscht das pure Chaos in Wien. Und das scheint niemanden zu stören.

ZEIT: Man hat die Ausgliederung immer als Erfolg darzustellen versucht, die die Institutionen von einer mühsamen Bürokratie befreite. Die Häuser können unabhängig schalten und walten und besser wirtschaften. Dafür wurden aber die Eintrittspreise saftig angehoben, weil man ja jetzt Geld verdienen musste.

Fillitz: Ich persönlich war immer dafür, dass so wie in London der Besuch staatlicher Sammlungen – mit Ausnahme der Wechselausstellungen – gratis sein muss. Denn sie sind Eigentum des Staates und damit der österreichischen Bevölkerung. Ich habe Museen immer als Bildungsinstrumente verstanden. Ein Museum oder auch irgendein anderes Kulturinstitut hat seit Adam und Eva nie Geld eingebracht, sondern Geld gekostet. Es gab eben immer Leute, die für Kunstsammlungen Geld ausgegeben haben. Ob das nun ein Adeliger war, ob das ein Rothschild war, ob das ein Kaiser war – die haben letztlich die Museen bezahlt. Und nun auf einmal kommt man und will die Museen zu Einnahmequellen machen. Das geht nicht. Ich habe nichts gegen die Ausgliederung an sich, weil mir, auch als Direktor des Kunsthistorischen Museums, die Bürokratie immer zuwider war. Aber so, wie es hier gemacht wurde, war das dilettantisch und dumm.