Als Joseph Edmund Johnson die Bühne in Manchester betritt, muss er sich sichtlich zur Zuversicht zwingen. "Wir leben in einer Welt, in der man in der Wissenschaft keine Grenzen schließen kann", sagt Johnson auf dem EuroScience Open Forum, das in der vergangenen Woche 4.500 Wissenschaftler, Politiker und Journalisten aus mehr als 90 Ländern in der britischen Stadt versammelte.

Unmittelbar zuvor war Jo Johnson von Großbritanniens neuer Premierministerin Theresa May als Wissenschaftsminister bestätigt worden – seinen älteren Bruder Boris hatte sie indessen zum Außenminister ernannt.

Leave oder Remain, die EU verlassen oder Mitglied bleiben: Die Positionen zum Brexit hatten Freunde und Familien gespalten. Auch die Familie Johnson.

Spät hatte sich Boris, der frühere Londoner Bürgermeister, für den Brexit starkgemacht – und war rasch eines der bekanntesten Gesichter der Ausstiegsbefürworter geworden. Bruder Jo agierte deutlich unauffälliger, aber konsequent, und zwar für den Verbleib in der EU. Was tut er jetzt? Wie sieht gut einen Monat nach dem Referendum seine Strategie für eine der führenden Wissenschaftsnationen der Welt aus? "Mir müssen Sie nicht erklären, dass exzellente Forschung auf exzellenter Zusammenarbeit beruht", sagt er in Manchester.

Dass aber die Zusammenarbeit mit den europäischen Kollegen bald sehr viel schwieriger werden könnte, diese Sorge treibt nun britische Forscher um. Noch zwei Tage vor dem Referendum Ende Juni hatte eine deutliche Mehrheit der Universitätsrektoren öffentlich für Remain geworben. In einer Umfrage des Magazins Nature sprachen sich vier von fünf britischen Forschern klar für einen Verbleib in der EU aus. Vergebens. Der Physiker Stephen Hawking sprach nach dem Referendum von "einer Katastrophe für die britische Wissenschaft und die Universitäten". Nüchterne Zahlen zeigen, welche Dimension diese Katastrophe annehmen könnte:

  • 125.000 ausländische Studenten und 43.000 Universitätsmitarbeiter kommen aus der EU. EU-Ausländer machen damit fünf Prozent aller Studierenden aus. In den Zentren der Spitzenforschung, in Cambridge, Oxford und London, sind es 15 Prozent. Brauchen sie bald eine Aufenthaltsgenehmigung?
  • Derzeit sind allein rund 14.000 Deutsche an britischen Unis eingeschrieben, 4400 im Erasmus-Programm, bei dem die EU die Kosten für den Auslandsaufenthalt übernimmt. Wer ein Erasmus-Stipendium hat, muss zunächst wenig befürchten: Bestehende Verträge werden erfüllt. Das EU-Recht gilt, bis Großbritannien die EU tatsächlich verlässt – frühestens zwei Jahre nach dem offiziellen Brexit-Antrag. Und die Schweiz zeigt, wie auch Nicht-EU-Mitglieder bei Erasmus mitmachen können. Sie trägt die Kosten für das Austauschprogramm schlicht selbst, 25 Millionen Franken pro Jahr. Ob das unterfinanzierte britische Wissenschaftssystem dafür Geld bekäme, ist indes fraglich.
  • Die Attraktivität Großbritanniens könnte zudem durch steigende Studiengebühren leiden. Bisher zahlen EU-Ausländer so viel wie ihre britischen Kommilitonen, maximal 9.000 Pfund (10.650 Euro) pro Jahr. Studenten aus dem außereuropäischen Ausland müssen bis zu 25.000 Pfund investieren. Das britische Gleichstellungsgesetz legt nahe, dass nach einem EU-Austritt alle Ausländer gleich behandelt werden müssten. Und welche Universität wird schon ihre Studiengebühren senken?
  • Kein anderes Land erhält vom Europäischen Forschungsrat ERC so viele Fördermittel für die Grundlagenforschung wie Großbritannien. Unter den am stärksten von der EU geförderten Universitäten sind gleich vier britische: Oxford, Cambridge, das Imperial College und das University College in London. An einigen Universitäten kommen bis zu 15 Prozent des Forschungsetats aus Brüssel.
  • Zwischen 2007 und 2013 haben die Briten im siebten Forschungsrahmenprogramm der EU 8,8 Milliarden Euro erhalten – und gerade einmal 5,4 Milliarden eingezahlt. Im Folgeprogramm Horizon 2020 hat die EU alleine 2014/15 schon 990 Millionen Euro überwiesen. Ähnlich wie bei Erasmus gilt auch hier: Da die Austrittsverhandlungen erst nach einem offiziellen Antrag beginnen und mindestens zwei Jahre dauern würden, können die Briten weiterhin von Horizon 2020 profitieren. Doch Kooperationspartner von den Inseln werden bereits argwöhnisch betrachtet. Das Misstrauen in den Bestand einer Zusammenarbeit geht so weit, dass sich EU-Forschungskommissar Carlos Moedas in Manchester genötigt sieht, die Europäer zu ermahnen: Sie sollten Forschung weiterhin nach ihrer Exzellenz beurteilen, nicht nach ihrer Nationalität.

Man wolle, sagt Jo Johnson, alle Verträge mit europäischen Forschungseinrichtungen aufrechterhalten, etwa dem Kernforschungszentrum Cern und der Weltraumorganisation Esa. Aber man habe auch andere Partner außerhalb der EU. Das klingt beinahe trotzig – und soll wohl von der Ratlosigkeit in der Wissenschaftspolitik ablenken.

Am Morgen des 24. Juni war das Referendum entschieden. Am 30. Juni sprach Jo Johnson beim Wellcome Trust, einem der größten Forschungsförderer der Welt. Er hielt dort eine Rede, die Zuversicht verbreiten sollte. Doch wer das Manuskript vom 30. Juni in London mit der Rede vom 25. Juli in Manchester vergleicht, findet zentrale Passagen, die Satz für Satz übereinstimmen: Binnen vier Wochen hat Jo Johnson keine neuen Worte gefunden.

Und anders als sein Bruder Boris versucht er nicht, sein Nichtwissen dadurch zu verbergen, dass er umso mehr redet. 75 Minuten sind in Manchester für den Tagesordnungspunkt EU-Politik reserviert. Nach 45 Minuten ist der Minister am Ende. Fragen von besorgten Wissenschaftlern sind nicht zugelassen. Wozu auch? Jo Johnson muss erst einmal Antworten suchen gehen.