Als aus dem Jungen Ali ein Mörder geworden war und klar wurde, dass er die Tatwaffe im Darknet gekauft hatte, wurde dieses dunkle Netz schnell zur "Insel der Rechtlosigkeit" erklärt. Von Menschen, die sehr wahrscheinlich noch nie zu dieser Insel gereist sind. Darknet – das hört sich böse an. Nach einer Parallelwelt aus geheimnisvollen Matrizen, in der gesichtslose Figuren dunkle Kapuzenpullis tragen. Zumindest sehen so die Symbolfotos in den Medien aus. Das Darknet ist eine Erscheinung wie Darth Vader.

Wer den schwarzen Umhang mal beiseiteschiebt, der den Begriff umgibt, klickt sich durch Seiten, die aussehen wie das Internet der Neunziger. Die Tor-Software ermöglicht dem Nutzer, sich anonym durch viel Weißraum und zu viele Schrifttypen zu navigieren. Menschen in China, die Facebook nutzen wollen, aber nicht dürfen, weil die Regierung es verbietet, nutzen Tor. Menschen in Syrien, im Iran und anderen Ländern, wo nicht jede Meinung eine freie ist, nutzen Tor. Die Revolutionsbewegung in Ägypten nutzte Tor. Whistleblower wie Edward Snowden nutzen Tor. Tor ist eigentlich eine ziemlich gute Sache.

Ja, man gelangt auch leicht auf Seiten, auf denen Drogen angeboten werden und Waffen. Constanze Kurz vom Chaos Computer Club schrieb in einem Blogbeitrag, dass der Anteil der Seiten, die sich auf den Verkauf von Waffen oder umbaubaren Dekowaffen spezialisieren, schwer abzuschätzen sei. Zwei Studien werden genannt, die eine kommt auf 0,3 Prozent der untersuchten Seiten, die andere auf vier Prozent. Dunkel sieht anders aus.

Das mit der "Insel der Rechtlosigkeit" hat Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) gesagt. Das Darknet-Bashing ist der neue Ego-Shooter-Reflex: Das Böse soll nicht in der Gesellschaft zu finden sein, sondern lieber aus fremden Welten kommen. Liebe Frau Kühne-Hörmann, gehen Sie doch morgens mal durch den Hamburger Schanzenpark. Oder mittags zum Hauptbahnhof. Da werden auch Ihnen Drogen angeboten. Und rufen Sie mal bei einem Schützenverein Ihrer Wahl an. Wenn Sie die Ziffern gewählt haben, sind Sie einer Waffe schon recht nahe.

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