Das Problem mit der Demokratie ist, dass es sie in gewisser Weise gar nicht gibt. Sie hat keinen Ort und ist keine Institution; die Gebäude, die sie repräsentieren, die Parlamente und Verfassungsgerichte, die Ämter und Ministerien, können im Handumdrehen hohl werden. In Wahrheit beruht die Demokratie auf etwas Unsichtbarem: auf dem Grundvertrauen der Bürger in die Politik. Auf der Bereitschaft einer Regierung, die doch über alle Gewaltmittel der Exekutive verfügt, sich dem Willen eines Parlaments und dem Urteil eines Verfassungsgerichts zu unterwerfen. Und darauf, dass die Mehrheit der Bürger stets und freiwillig darauf verzichtet, antidemokratische Parteien zu wählen.

All dieses Unsichtbare kam uns jahrzehntelang so selbstverständlich vor, dass der (falsche) Eindruck entstand, die Demokratie sei sowieso da, wie Luft und Wasser, und zur Wahl stünden immer bloß Parteien, Präsidenten und Koalitionen – aber nie die Demokratie selbst. Das hat sich jetzt geändert. In den kommenden vierzehn Monaten wird in fünf zentralen Wahlen über nicht weniger abgestimmt als die Zukunft der westlichen Demokratien. Wer hätte das gedacht?

Schon länger steht es ernst um die Demokratie. Weltweit befindet sie sich auf dem Rückzug. Nun aber könnten sich die Ereignisse ausgerechnet in ihren angestammten Heimatländern regelrecht überstürzen.

Die Serie beginnt in Italien. Bis Ende September 2016 soll dort per Referendum über eine Verfassungsreform befunden werden. Der Premierminister Matteo Renzi hat die Abstimmung zum Plebiszit über seine Person hochgejazzt. Den Umfragen zufolge will eine Mehrheit mit Nein stimmen: Die Folge wären Neuwahlen, und mit ihnen wohl ein Sieg der Populistentruppe um Beppe Grillo. Italiens Demokratie hätte plötzlich ihr Antlitz verändert, über Rom wehte wieder ein Hauch von Cäsarentum und Personenkult. Gleich danach, am 2. Oktober, wählt Österreich im zweiten Anlauf seinen Bundespräsidenten, womöglich einen Rechtsextremen.

Die nächste Stufe zündet am 8. November: Donald Trump hat die Chance, an diesem Tag als Sieger aus den amerikanischen Präsidentschaftswahlen hervorzugehen. Jeder weiß, dass die Welt dann eine andere wäre. Trump an der Spitze der stärksten Macht der Welt, die Hand am Drücker des größten Nuklearpotenzials: Könnten Amerikas demokratische Institutionen jemanden wie ihn noch daran hindern, größeres Unheil anzurichten?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 4.8.2016.

Im April kommenden Jahres sodann wird alles auf die traditionsreichste Demokratie des europäischen Kontinents schauen, auf Frankreich. Sollte es möglich sein, dass Marine Le Pen, also eine Rechtsradikale, die Präsidentschaftswahlen gewinnt? In Deutschland wiederum wird 2017 der Bundestag gewählt. In was für einem Land werden wir danach leben? Angenommen, die AfD käme auf, sagen wir – 20 Prozent. Dann stünde sie im Mittelpunkt der Politik. Alle anderen würden sie feindselig umkreisen und sogar nolens volens ihrer Behauptung recht geben, einem Parteienkartell gegenüberzustehen.

Ein Fahrplan ins Ungewisse. Dabei gibt es schon jetzt Gründe zuhauf, der Demokratie in Europa wegen beunruhigt zu sein. Unter dem Einfluss des islamistischen Terrors macht Frankreich den Ausnahme- zum Regelzustand, der die parlamentarische Kontrolle der Exekutive aushebelt. In Polen wird derzeit unter dem Protest der EU die Gewaltenteilung aufgelöst, Ungarn wiederum befindet sich in einem Dauerzustand antiliberaler Erregung. Und bei uns? Alles in Butter? Beinahe unbemerkt ist geblieben, was der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer am vergangenen Sonntag auf dem Trauerakt für die Opfer des Münchner Attentats von sich gab: "Sicherheit ist das höchste Gut einer Demokratie." Ach so? Nicht die Freiheit?