Auf dem Zettelchen, das er nach dem Tod seines Großvaters in dessen spärlichen Hinterlassenschaften fand, stand ein Name, den er nie zuvor gehört hatte, in einer eigentümlich eckigen Handschrift notiert, mitsamt einer ihm ebenso unbekannten Adresse: "Miss E. M. Tilney, Menuka, Blue Bell Rd, Norwich, Angleterre". Wer war Miss E.? Warum hatte der Großvater Leon dieses Stück Papier über Jahrzehnte hinweg aufbewahrt, zwischen den Pässen und wenigen Fotos?

Der Enkel, der den Zettel vor ein paar Jahren fand, heißt Philippe Sands. Bisher war der 55-Jährige nur als Londoner Menschenrechtsanwalt, Professor für Internationales Recht und Irakkriegsgegner bekannt. Pinochet, Gaddafi, die Verbrechen im kroatischen Vukovar, er hat in all den Prozessen als Anwalt im Gerichtssaal gestanden. Aber seit dem Frühsommer geht sein Name als Autor des Buches East West Street um die Welt. Es ist romanhaft erzählt, jedoch historisch akribisch erarbeitet, es führt an die Wurzel der Menschenrechte, es raubt einem den Atem, und seine geheime Heldin ist Miss E. M. Tilney. Nichts daran ist erfunden. Wenig davon war bekannt.

Im Buch schildert Sands, wie das internationale Recht entsteht, in dessen Namen im Oktober 1946 vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg mehrere NS-Machthaber verurteilt wurden. Er stößt dabei auf die unterschiedlichen rechtlichen Begriffe des Genozids und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, deren Ursprünge in der Stadt Lemberg liegen. Dort, in dem seit 1918 polnischen Lwów, dem sowjetischen Lvov, dem seit 1991 ukrainischen Lviv, entdeckt er die schwindelerregende Geschichte seiner eigenen jüdischen Familie.

In Lemberg lebte der jüdische Jurist und spätere Professor für Internationales Recht Hersch Lauterpacht, geboren 1897, der angesichts der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik den Straftatbestand der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, crimes against humanity, entwickelte. Er beriet den Nürnberger Chefankläger Robert H. Jackson und trug dazu bei, dass der neue Straftatbestand als bindend anerkannt wurde.

In Lemberg auch wuchs Raphael Lemkin auf, geboren 1900, wie Lauterpacht ein jüdischer Jurist. Er etablierte den seither wirkungsmächtigen Begriff des Genozids und hätte es vorgezogen, wäre in Nürnberg im Herbst 1946 das Konzept des Völkermords stärker gewichtet worden.

Ebenfalls in Lemberg, oder genauer, im "Distrikt Galizien" um die Stadt herum, exekutierte Hans Frank die NS-Vernichtungspolitik, damals von deutschem Recht gedeckt. Er residierte seit 1939 als Chef des sogenannten Generalgouvernements in Krakau. Die Nürnberger Richter verurteilten ihn 1946 zum Tode: wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

In Lemberg schließlich wurde 1904 Philippe Sands Großvater Leon Buchholz geboren, unter dessen Papieren sich der Hinweis auf Miss E. M. Tilney fand. Zwölf Jahre alt, zog er zur Familie seiner Schwester nach Wien, half später beim Schnapsbrennen, betrieb dort bald einen kleinen Spirituosenladen und heiratete 1937 Rita Landes. Als Österreich nationalsozialistisch wurde, musste er Ende 1938 das Land verlassen. Rita blieb zurück in Wien, er entkam nach Paris.

Mit den Biografien dieser Menschen verwebt Philippe Sands die Geschichte eines Jahrhunderts. Er erzählt, wie Geschichte entsteht. Und während das Buch noch auf seine deutsche Übersetzung wartet, hat der Autor es bereits unter dem Titel A Song of Good and Evil in London mit Vanessa Redgrave auf die Bühne gebracht, eine Theater-Inszenierung mit Katja Riemann auf Deutsch ist in Vorbereitung, eine Verfilmung wird Ende September zu sehen sein.