Hamburg ist bekanntlich unglaublich schön, Häuser, Menschen, Luft, alles erstklassig. Hat man erst einmal lange genug in Hamburg gelebt, ist Berlin beispielsweise nur noch schwer auszuhalten. Kommt man von wo auch immer, China, Jordanien, Iran oder Ähnlichem, nach Hamburg zurück, stellt sich sofort das Gefühl ein, in ein gut geführtes Sanatorium einzutauchen.

Die Fahnen klirren energisch. Immerzu weht frischer Wind. Irgendwie ist immer Nordseestimmung, und alles hat ein verträgliches Maß. Die Stadt lässt einen in Ruhe. Sie macht sich nicht breit. Zur Not kann man vom Bahnhof zum Flughafen mit dem Fahrrad fahren.

Früher, also wirklich richtig früher, konnte man von Berlin-Tegel, diesem eher peinlichen Flughafenkringel, noch mit dem Flugzeug nach Hamburg fliegen. Wozu das gut war, weiß ich nicht, aber es war so. Stieg man dann auf dem Hamburger Rollfeld aus, ja, das war dann schon ein Lufterlebnis, das man sich von keiner Feinstaubanalyse mehr ausreden lässt. Hamburg riecht fantastisch.

Der Hamburger Flughafen ist ein Spiegelbild der Stadt. Jedenfalls in dem Maße, in dem man überhaupt von Flughäfen auf Städte schließen kann. Was man meiner Ansicht nach durchaus kann, man denke beispielsweise an Oslo und den herrlichen Oslo Lufthavn oder Teheran und den gespenstischen Ayatollah Khomeini Airport oder Tel Aviv und den springlebendigen Ben-Gurion Airport. Jeder dieser Flughäfen ist ein Miniaturporträt der Stadt, vor dessen Toren er liegt.

Nicht anders in Hamburg. Eine festliche Nüchternheit herrscht in den beiden zeltartigen Abflughallen. Obwohl so eine Halle pompös hoch ist, bleibt das Raumgefühl intim. Die gesamte Konstruktion aus Glasdach und Metallstreben wirkt wie lose zusammengesteckt – ein heiteres Kinderspiel von Flughafen im Vergleich zum monströsen Flughafengrab in Berlin-Brandenburg. Ein angenehmes Aquariumgefühl macht sich breit, die Schritte klingen auf dem hellen Steinboden wie in einer Hotelhalle am Mittelmeer. Die Geräusche der Abreise – das Rascheln der Bordkarten, das Quietschen der Rollkoffer, das Piepen der Sicherheitsschleusen – vermengen sich in der Riesenhalle zu einem versöhnlich-routinierten Blubbern wie unter Wasser.

Um halb sechs aufgestanden, ist man ungeduscht mit dem Taxi in gut zehn Minuten aus Eppendorf am Gate nach Paris. Abflug 6.20 Uhr, noch schnell einen Kaffee trinken, das vergessene T-Shirt nachkaufen und weg. Eine Welteinmaligkeit, die demnächst nach dem verstorbenen ZEIT-Herausgeber und Altbundeskanzler benannt wird. Helmut-Schmidt-Flughafen, warum nicht.

Es ist schwer zu erklären, aber in dem milchigen Licht, das sich unter der Glaskuppel breitmacht, und inmitten all dieser jederzeit perfekt frisierten und dezent uniformierten Luftfahrtangestellten, die an ihren übersichtlich nummerierten Arbeitsplätzen Koffer mit Papierschnitzeln bekleben, hier also stellen sich absurde und für einen internationalen Verkehrsknotenpunkt im Zeitalter des Terrors ganz unangemessene Geborgenheitsfantasien ein.

Natürlich ist man hier nur eine Nummer, im Zweifel eine Flugnummer, aber es gibt keinen zweiten Ort der Welt, an dem die Vorzüge der Entpersönlichung so unmittelbar einleuchten und man von der Mühsal einer individuellen Lebensführung sanfter entlastet würde. Vom Eintritt ins Terminal bis zur Bahre, Entschuldigung: bis zum Gate, verbreiten Leuchtstreifen und motiviert winkende Menschen eine metaphysische Aufgeräumtheit und zuversichtliche Routiniertheit, die nun wirklich zum künftigen Namensgeber des Flughafens passen.

Die verrückte Vorstellung, hier unterm leuchtenden Flughafenzelt fürsorglich umhegt, registriert, mit allem versorgt zu sein, ist natürlich so flüchtig und haltlos wie die meisten anderen Geborgenheitsillusionen. Aber das macht nichts. Große Gefühle sind meist nur eine Sache von drei bis fünf Minuten. Es muss ja keiner den kompletten Sonntag am Flughafen absitzen, nur um zuzusehen, wie ein Flugzeug nach dem anderen auf die Abflugbahn vorrückt und die Parade der Hartschalenkoffer über die Gepäckbänder ruckelt.

Zum Schluss ein ernst gemeinter Tipp: das Flughafenrestaurant. Der Eindruck von leichthändiger Souveränität, heiterer Ordnung und grundsätzlicher nordischer Lebensbewältigung, der vom gesamten Hamburger Flughafen ausgeht, setzt sich auch an dieser Stelle (Echtholzmöbel, Grünbepflanzung, frisches Gemüse) fort.

Hier abends auf der Terrasse noch ein Bier trinken, nachdem die Kinder hinter der Gepäckkontrolle für ein paar Wochen verschwunden sind, und zusehen, wie sich die letzte Emirates-Maschine nach Dubai langsam füllt. Und sich freuen, dass man da nicht mitfliegen muss und stattdessen in den milden Hamburger Sommerabend und das satte dunkle Grün eintauchen kann, das gleich hinterm Flughafen beginnt und an der Alster noch lange nicht aufhört.