Meine Werkbank

Es gibt Momente im Leben, da könnte man laut loslachen, unterdrückt den Reiz aber anderen Leuten zuliebe. Als mein guter Freund Timm im Keller seines neuen Eigenheims stand, da ging mir das so. Wenn wir uns früher unterhielten, sprachen wir über die Bücher, die wir (vor allem er) gelesen hatten. Der Distelfink, Die Korrekturen, Drei traurige Tiger. Sein ganzer Stolz war seine Ausgabe von Kindlers Literatur Lexikon. Nun betrachteten wir seine Werkbank, er andächtig, ich amüsiert. Wozu denn eine Werkbank? Ich meine: Vor wem musst du dich denn hier unten verstecken, Timm? Dazu tranken wir kaltes Bitburger aus der Flasche. Bier ist das Pausenbrot der Werkbanktätigen.

An diesem Samstag findet ihr mich im Keller meines eigenen Eigenheims, vielleicht habe ich Balken dabei für den Sandkasten im Garten, oder ich vermesse Bretter fürs Bücherregal, das exakt in die Nische neben der Tür passen soll. Der Bohrer wird kreischen, der Akkuschrauber surren. Ich weiß inzwischen, wie man Laminat zuschneidet, Fußleisten anbringt und wofür ein Standbohrer gut ist. Dank meiner Werkbank. Die war schon da, in dem Haus, in das wir im vergangenen Jahr eingezogen sind. Ein Handwerker hatte sich angeboten, sie abzuholen (bitte sehr!), hat das dann aber vergessen. Erst habe ich geflucht. Dann habe ich mich an sie gewöhnt, nun will ich nicht mehr ohne sie sein. Und wenn Timm zu Besuch kommt, reden wir nicht mehr über Bücher, sondern über die Länge unserer Werkbänke. Im Keller.

Battle-Raps

Irgendwann Ende des vergangenen Jahres ging der Beef mit Felix los. Auf dem Heimweg bekam ich eine SMS: "Ich glaub du hängst zu viel ab mit diesen Start-up-Typen // Du bist für mich nen Warm-up, ganz nett zum Üben". Felix, mein lieber, lieber Kollege. Bis dahin war der eher durch schlechte Witze aufgefallen als durch gute Reime. So einen Stress, lieber Felix, den riskiert man nicht einfach so, habe ich gedacht. Ich habe die Nacht dann sehr wenig geschlafen, ganz nett zum Üben, das ging mir ständig im Kopf rum. Felix, der Rapper wie Megaloh oder Samy Deluxe zu seinen Freunden zählt, zu den imaginären wohlgemerkt.

Nun stand ich richtig übel unter Druck. Bisher hatte ich nur Wanderlieder umgeschrieben für den runden Geburtstag meiner Tante, Im Frühtau zu Berge, so was halt. Ich musste zurückbatteln, aber wie? Eine gute Regel beim Batteln ist: Hau nicht auf die Schwächen des anderen ein, sondern auf seine Stärken. Felix’ Spezialität als Redakteur sind Verfolgungen: Er hat mal einem schrottreifen Fernseher einen GPS-Sender eingesetzt und ist ihm bis nach Ghana hinterher. Mega-Angriffsfläche also, ich schrieb: "pflanz doch jemandes hirn nen sender rein, folg per gps dem rentner ins heim".

So geht das nun hin und her. Felix sieht mich "da unten kriechen wie Schnecken in ner Schleimspur"; ich sei "wie die Griechen: einfach nur damn poor". Im Gegenzug widme ich mich seiner Frisur: "ein haircut wie die greeks: der ganz digge schnitt, jetzt platt bis zu den cheeks, der ganz bigge shit".

Okay, das Zeug ist in unseren SMS-Ordnern besser aufgehoben als hier oder bei YouTube. Aber hier ist der beste Ort, um Felix zu sagen: Du bist dran!

Jens Tönnesmann mag auch Geschichten für seine Kinder erfinden, Radtouren mit und ohne Regen und Street-Art von El Bocho