Diese zierliche Frau ist also Gina Miller. Jene Frau, von der es in der Londoner City heißt, sie solle lieber den Mund halten. Die Frau, die dort als gefährlich gilt. Die von der Konkurrenz nicht beim Namen genannt wird. Sondern: "schwarze Witwe".

Gina Miller leitet eine Firma für Vermögensverwaltung, gemeinsam mit ihrem Ehemann, einem Fondsmanager. Die Firma sitzt in der Londoner City, dem Herzen der europäischen Finanzindustrie. Miller gilt dort als Nestbeschmutzerin. Weil sie öffentlich über ihre Konkurrenz herzieht. Weil sie erzählt, die Vermögensverwalter in der City könnten vor allem eines gut: ihre Kunden abzocken. Und Kosten verschleiern.

Nun könnte sich diese Frau noch mehr Feinde machen. Miller hat die britische Regierung verklagt. Mitte Juli, wenige Wochen nachdem die Briten für den Brexit stimmten, zog sie vor den Obersten Gerichtshof. Sie will dort einen Beschluss erreichen, der es der britischen Premierministerin untersagen würde, ohne Parlamentsbeschluss aus der EU auszutreten.

Miller sieht sich als Kämpferin gegen Lügner und Betrüger – auch in ihrer eigenen Branche

Der ehemalige Premierminister David Cameron hatte noch getönt, er werde die Austrittsklausel, den Artikel 50 der Lissabon-Verträge, "sofort nach dem Referendum" umsetzen – und damit ohne Umschweife den Brexit einleiten. Wenn Gina Miller mit ihrer Klage Erfolg hat, würde der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union sehr viel komplizierter werden. Dann müsste im Parlament in London erst einmal ein Beschluss gefasst werden. Und diesem Beschluss ginge eine Debatte der Parlamentarier voraus, von denen drei Viertel zum Lager der EU-Anhänger gehören. Die wollen zwar das Votum des Volkes respektieren. Aber in der Debatte würden sie aussprechen, in welchem Ausmaß das britische Volk vor dem Referendum belogen wurde: vom Kampagnenführer Boris Johnson und dem Ukip-Chef Nigel Farage. Sie hatten den Briten vorgegaukelt, dass Großbritannien ganz einfach auf eine Mitgliedschaft in der EU verzichten könne. Dass sich mit dem Brexit die Einwanderung aus der EU stoppen ließe – und das Land dennoch Zugang zum EU-Binnenmarkt erhielte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 4.8.2016.

Seit dem Brexit-Referendum streiten britische Verfassungsrechtler darüber, ob die Regierung die Austrittsverhandlungen allein einleiten darf – oder ob das Parlament, als Vertreter des Volkes, dazu einen Beschluss fassen muss. Millers Klage ist ein Politikum. Und hat es schon jetzt bis in die obersten britischen Machtzirkel geschafft: Die neue Premierministerin Theresa May will sich mit ihrer Entscheidung bis Endes des Jahres Zeit lassen, um das Urteil des Verfassungsgerichts abzuwarten.

Warum aber will Gina Miller den Brexit torpedieren? Und wem nützt das?

Als Treffpunkt hat Miller ein elegantes Country-House-Hotel in Wimbledon vorgeschlagen. Der Ort passt zu ihrer Erscheinung: Chanel-Look, graziler Gang, perfekte Haltung. Ihre 51 Jahre sieht man ihr nicht an. Ab und zu fischt sie ihr Handy aus der Handtasche, um nachzuschauen, wer sie gerade anklingelt.