Die Pinakothek der Moderne ist alles andere als ein spießiger Ort, aber Hartmut Esslinger gelingt es selbst hier aufzufallen: Er ist von Kopf bis Fuß der bunteste Vogel im Eingangsbereich. Um den Hals ein Schal in Regenbogenfarben, an den Füßen Sneaker in Knallorange. Esslinger ist ein Ästhet: In der Designabteilung des Museums sind fast 200 Produkte von ihm ausgestellt. Zum Gespräch ziehen wir uns in die Bibliothek des Museums zurück.

DIE ZEIT: Herr Esslinger, Sie zählen zu den besten deutschen Designern: Gibt es ein von Ihnen entworfenes Produkt, für das Sie sich heute schämen?

Hartmut Esslinger: Es gibt schon ein paar schlechte, aber schämen brauche ich mich nicht. Ich habe mal versucht, Philip Morris zu einer Konsummarke zu machen. Das hat zum Glück nicht funktioniert.

ZEIT: Wovon machen Sie abhängig, ob ein von Ihnen entworfenes Produkt gut oder schlecht ist?

Esslinger: Design fängt damit an, dass man Probleme sieht. Ein Arzt sieht nur die Kranken, wir Designer sehen nur das Hässliche.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 4.8.2016.

ZEIT: Wonach streben Sie?

Esslinger: Danach, die Welt zu verbessern oder zu verschönern. Schönheit hat eine Funktion. Wenn ich etwas bediene, muss es logisch sein für jemanden, der keine Ahnung von dem Produkt hat. An unseren Radio- und Fernsehgeräten von Wega kann man das sehr gut sehen.

ZEIT: Zwei dieser Geräte sind im New Yorker Museum of Modern Art zu sehen. Das zeigt, dass schön designte Technik damals eine Ausnahme war. Warum eigentlich?

Esslinger: Design war nichts wert. Die Designer waren ohne Selbstbewusstsein, ohne Verständnis ihres wirtschaftlichen Einflusses. Damals bin ich als Student zu Wega rein und sagte: Ich will Chefdesigner werden. Da hieß es: "Kommen Sie doch als Praktikant wieder." – "Nein", sagte ich, "diesen Scheiß mach ich nicht mit." So fing ich an.

ZEIT: Hat Ihr Erfolg Ihre Eltern stolz gemacht?

Esslinger: Meine Eltern haben mich misshandelt. Wahrscheinlich eine Verrohung durch den Krieg. Das Körperliche war dabei nicht so schlimm wie das Seelische, außer dass es wehtat, fast jeden Tag.

ZEIT: Ihre Mutter hat, als Sie ein Schüler waren, Ihr Skizzenbuch verbrannt.

Esslinger: Das war noch das Geringste. Ich habe diese Dinge später auch psychologisch aufarbeiten müssen. Wenn Sie als Kind misshandelt werden, können Sie das entweder akzeptieren als Opfer, oder Sie wehren sich. Ich habe den dritten Weg gewählt. Ich habe eine Traumwelt aufgebaut. Mit Malen und Musik. Der Blues hat mich gerettet. Das Gemalte konnte man verbrennen, aber die Musik war laut. Die Alternative wäre gewesen, wegzulaufen oder Selbstmord zu begehen, wie das ein Cousin von mir getan hat, aber das wollte ich nicht.

Spätes Glück: So zeichnet Esslinger zentrale Dimensionen seines Lebens. Aufgewachsen im Schwarzwald, gründete er 1969 die Firma Esslinger Design und benannte diese 1982 in frog design um © ZEIT-Grafik