Auf 700 Seiten breitet Henning Albrecht das Leben des Horst Janssen aus. Der solide mit O‑Tönen seiner Freunde und Lebensgefährtinnen unterlegte Passionsweg eines Künstlers entfaltet sich nach den klassischen fünf Stationen: der Kindheit, der Berufung, dem Reigen der Musen, der Reife sowie Alter und Tod. Seit Vasari verwebt die Vita als literarische Gattung die Kette des Werks mit dem Schuss des Lebensfadens.

Der Horst, so getauft, damit er gehorcht, laut der Mutter, ist das uneheliche Kind der Schneiderin Martha Janssen aus Oldenburg, 36-jährig und unverheiratet. Der Vater hat sich nie mehr gemeldet. In bescheidensten Verhältnissen wächst der am 14. November 1929 Geborene bei den Großeltern auf. Er ist vier, als die NSDAP in der Militärstadt im Jahr der Machtergreifung 60 Prozent der Stimmen gewinnt. Im September 1942 wird der Jungmann von der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (Napola) im emsländischen Haselünne angenommen, damit ist die Mutter eine Sorge los. Horst passt ins Beuteschema der Napola, die gezielt nach Waisen und Scheidungskindern sucht. Die Nazipädagogen lassen sich von Platons Staat inspirieren, in dessen idealer Gesellschaft der Nachwuchs für die politische Elite ohne die störende Zufallsbindung leiblicher Eltern gezüchtet wird.

Um Ostern 1945 fliehen Lehrer und Schüler vor den heranrückenden kanadischen Panzern. Im Mai taucht Janssen zu Fuß in der "baumlosen Trümmerwüste" von Hamburg auf und kommt unter bei Anna Janssen, der jüngeren Schwester seiner Mutter, die inzwischen an Tuberkulose gestorben ist. Das Paradies der Kindheit, Horst Janssen hat es nie erlebt, mit dem Kriegsende sind jetzt auch die knackig-herrischen Gewissheiten eines Napola-Weltbilds ersatzlos verschüttgegangen. Mit der Analyse von Janssens Kindheit ist Albrecht, der gelernte Zeithistoriker, ganz und gar in seinem Element. Der frühe Verlust familiärer Bindungen und der unvermittelte Zusammenbruch einer versprochenen Zukunft als Alphatier einer Herrengesellschaft bilden die beiden Schlüsselerlebnisse, die Janssens Leben tragisch prägen.

Auf drei Ehen bringt es der Künstler, wobei die kürzeste nach dreieinhalb Monaten wieder geschieden ist. Albrecht charakterisiert Janssens Liebesleben als "knäbisch-demonstrative und alkoholisierte ›Frauenjagd‹ eines eigentlich unvirilen, genierlichen Mannes". Die unübersichtliche Anzahl von Beziehungen verlaufen nach dem Freudschen Muster des Fort-da-Spiels, bei dem das Kind sein Spielzeug wegschmeißt, das es an einem Gummiband hält. Die traumatische Verlustangst verlangt nach zwanghafter Wiederholung. Janssen erprügelt sich das Verlassenwerden, mit dem er seinem totalen Harmoniebedürfnis durch jähe Gewalt selber eine Grenze setzt. Janssen sucht sich seine künftigen Opfer meist in der besseren Gesellschaft und handelt dabei wie Max Ernst, der seine Ehen auch mit sozialem Aufstieg verbindet. Anders als dieser, der seine Peggy Guggenheim heiratete, zielte Jansens Interventionismus in die patrizische Oberschicht vor allem auf Destruktion: Hamburgs Enfant terrible treibt mit seinen besitzergreifenden Auftritten in erster Linie bestehende Beziehungen und Familien auseinander.

Etwas niedriger wird die Schlagzahl der Amouren in den achtziger Jahren, wenn der Messie von seinen Ehemaligen betüttelt wird. Gerade dank seiner hilflosen Gewalttätigkeiten hat es der große Knabe geschafft, den Mutterinstinkt von Frauen zu schüren. Umgeben von einem Kreis dienstbarer Geister, führt er Monologe in seinem "Führerhauptquartier", wie er das ehemalige Kutscherhaus am Mühlenberger Weg 22 in Blankenese nennt, wo er seit 1967 wohnt. Auf Fotos gibt er den grinsenden Greis, der sein faltiges Gesicht in Szene setzt wie Rembrandt in seinen Altersbildnissen.

Wenn in dieser Zusammenfassung das veröffentlichte Private des Künstlers im Vordergrund steht, so entspricht das der Gewichtung der Biografie. Inwiefern der gründliche Blick unter die Bettdecke eines Künstlers zum Werkverständnis beiträgt, stehe als Frage im Raum. Was das Kunsturteil betrifft, zieht sich ein Refrain durch das Buch, den Albrecht am Schluss in einem Satz auf den Punkt bringt: "Janssen ist kein Opfer schlechter Kritiken, sondern schlechter Kritik." Der Biograf betritt den von Janssen schon weidlich ausgetretenen Pfad, wonach es die Journaille ist, nach der derben Diktion des Meisters jene "Sabbelfritzen" und jene "Soldateska des Ungeists", die es an Wertschätzung fehlen lassen. Wer mit selbstgefälliger Genüsslichkeit lebenslang auf das Feuilleton eindrischt, muss sich über dessen Zurückhaltung nicht wundern.