Die Welt ist aus den Fugen. Frauen arbeiten immer öfter außerhalb des Hauses, Männer zwängen sich in Stöckelschuhe, und plötzlich soll es mehr als zwei Geschlechter geben. Selbst im Gottesstaat Iran wanken die Geschlechterrollen. Doch während in Prenzlauer Berg oder Eppendorf kein Mensch mit der Wimper zuckt ob all der neuen Moden, pulsieren in Teheran die thymotischen Energien noch durch die Adern der Sittenpolizei. Es gibt Aufregerpotenzial: Auf einer Facebookseite solidarisieren sich iranische Männer mit ihren Ehefrauen, Schwestern, Freundinnen oder Müttern. Sie posten Fotos von sich, auf denen nicht die Frauen, sondern die Männer Kopftuch tragen. So wollen sie ein Zeichen setzen gegen den gesetzlichen Kopftuchzwang.

Bereits eine Million Menschen folgt #meninhijabs auf Twitter, Tausende liken die Bilder. 2014 wurde die dazugehörige Facebookseite My Stealthy Freedom ("Meine heimliche Freiheit") von der in London lebenden iranischen Journalistin Masih Alinejad gestartet. Ursprünglich luden Iranerinnen Fotos von sich ohne Hidschab auf die Seite, mit kurzen Statements, weshalb sie das Kopftuch ablehnen und Meinungsfreiheit und Menschenrechte fordern. Oft wurden die Fotos an öffentlichen Orten aufgenommen. Ein Wagnis: Der Hidschab ist im Iran für alle Frauen und Mädchen ab neun Jahren Pflicht. Vernachlässigungen werden hart bestraft. An jeder U-Bahn-Station stehen Sittenwächter, deren einzige Aufgabe es ist, sicherzustellen, dass jede Frau einen akzeptablen Hidschab trägt. Selbst die Webdichte des Schals ist vorgeschrieben, da vor einigen Jahren die Frauen dazu übergingen, immer transparentere Kopftücher zu tragen. Auch im drückenden Teheraner Sommer bei Temperaturen von 45 Grad droht allzu freizügigen Frauen Verhaftung. Bestenfalls werden sie dann von ihrem Vater oder Ehemann abgeholt – die eine schriftliche Erklärung abgeben müssen, dass so etwas nie wieder vorkomme. Im Iran lässt sich also noch mehr gegen repressive Gendervorstellungen kämpfen als im dekadenten Westen.