DIE ZEIT: Herr Strenger, Deutschland hat den ersten islamistischen Selbstmordanschlag erlebt. Wie wurde das in Israel aufgenommen?

Carlo Strenger: Ich habe keine Schadenfreude bemerkt. Die Regierung Netanjahu hat natürlich gesagt: "Wir haben euch ja gewarnt, ihr versteht halt den Islam nicht." Aber auf die Anschläge von Paris und Brüssel wurde bei uns mit großer Anteilnahme reagiert. Was jetzt in Deutschland geschehen ist – bitte entschuldigen Sie –, wird hier eher als kleinerer Vorgang betrachtet. Überrascht war niemand. Ansbach – das war erst der Anfang.

ZEIT: Wie kann man sich auf den Terror gefasst machen, ohne von Wut, Verzweiflung oder Angst überwältigt zu werden?

Strenger: Zuerst muss man die Strategie des IS verstehen. Die Terroristen wollen die Welt in zwei Teile trennen: hier der Islam, da die Ungläubigen, dazwischen am liebsten ein Eiserner Vorhang. Deshalb wollen sie den Graubereich auslöschen, wo diese Welten zusammenkommen: in Europa, wo Muslime und Nichtmuslime zusammenleben. Je mehr Verluste der "Islamische Staat" auf seinem Territorium erleidet, desto wichtiger wird das. Jedes gegen Muslime gerichtete racial profiling, jedes Einreiseverbot à la Trump bringt sie diesem Ziel näher.

ZEIT: Kann Deutschland von Israel lernen?

Strenger: Wichtig ist eine klare Sprache. Der Terror wird nicht abnehmen, er wird zunehmen. Wir werden uns wehren müssen. Und man braucht ein öffentliches Gespräch darüber, mit welchen Mitteln – damit nicht, wie in den USA, eine staatliche Unterwelt von Geheimgerichten und -gefängnissen entsteht.

ZEIT: In Deutschland hört man immer wieder: "Totale Sicherheit kann es nicht geben."

Strenger: Dabei gibt es noch sehr viel zu verbessern. In Israel kann man sich keiner Großveranstaltung mehr mit einem Fahrzeug nähern, und jeder Rucksack wird kontrolliert. Es gibt kein unbewachtes Museum oder Einkaufszentrum mehr, keine unbewachte Universität. Wenn ein Jugendlicher auf Facebook Radikalisierungstendenzen zeigt, gehen Leute vom Geheimdienst hin und reden mit ihm, seiner Familie, seinem Umfeld, damit klar ist: Wir sehen euch.

ZEIT: So was löst bei uns die Angst vor einem Polizeistaat aus.

Strenger: In Deutschland herrscht eine gefährliche Abneigung gegen Geheimdienste. Aber gerade Linke dürfen den Wunsch nach Sicherheit nicht als reaktionär betrachten. Die Leute haben Angst, und zwar zu Recht. Ich gehörte zu den Linken, die eine Mauer zwischen Israel und den Palästinensern gefordert haben. Damals hatten wir alle paar Tage Selbstmordanschläge mit Dutzenden Toten.

ZEIT: Wie hat die Allgegenwärtigkeit von Terror Sie selbst verändert?

Strenger: Die zweite Intifada hat unser ganzes Land verändert. Israel erlebte pausenlos Anschläge auf Busse, Hotels, Restaurants und Diskotheken. "Friedensprozess" und "Oslo" wurden zu Spottbegriffen. Wer damals sagte, auch totale Härte werde den Terror nicht von heute auf morgen beseitigen, sah sich in der Minderheit. So wie sich das jetzt in Europa auch abzeichnet.

ZEIT: Aber auch Linke wollten ja mal essen gehen. Wie sind Sie persönlich mit dem Terror umgegangen?

Strenger: Wenn wir damals in ein Restaurant gingen, haben wir den Soldaten am Eingang gefragt, in welcher Einheit er gedient hat und wie lange. Wenn er nur wenig Erfahrung mit dem Schießen hatte, oder er hatte nur eine Glock dabei und kein Maschinengewehr, sind wir woanders hingegangen. Restaurants, die nicht mindestens zehn Meter Fluchtweg zur Straße hatten, haben wir auch nicht mehr besucht. Aber unsere Probleme waren Luxusprobleme im Vergleich zu denen von Leuten mit Kindern. Die waren ja jeden Morgen auf den Schulbus angewiesen. Manche von ihnen haben bis heute mit posttraumatischem Stress zu kämpfen.

ZEIT: Wie ist es bei Ihnen heute?

Strenger: Ich merke, dass ich oft innerlich um eine liberale Haltung kämpfen muss. Mein Menschenbild ist skeptischer geworden. Wer in Israel auf den Arabischen Frühling hoffte, wird jetzt nur noch ausgelacht. Wenn ich an der Uni in Tel Aviv eine junge muslimische Frau mit Rucksack sehe, verkrampft sich mir der Magen für einen Moment. Der Rassismus in Israel hat zugenommen. Man braucht ein sehr starkes inneres Wertegerüst, um den Impulsen, die da in der Luft liegen, nicht nachzugeben. Genau das blüht Europa auch. Was mir hilft, sind arabische Freunde. Es ist wie mit dem Antisemitismus: Je mehr Juden jemand persönlich kennt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit von Hass.