Am Morgen des 10. März 2016 betritt der Richter Jan Robert von Renesse den Gerichtssaal 1.120 im Landgericht Düsseldorf. Es ist der vielleicht schwerste Gang seines Lebens. Denn von Renesse kommt nicht, wie sonst, durch das Richterzimmer. Er nimmt den Saaleingang und setzt sich auf die Anklagebank.

Das Justizministerium des Landes Nordrhein-Westfalen hat ein Disziplinarverfahren gegen Renesse angestrengt – wegen vermeintlicher "Rufschädigung der Sozialgerichtsbarkeit". Doch in Wahrheit geht es hier um weit mehr. Es geht um die Frage, wie unabhängig ein Richter in Deutschland wirklich sein darf.

Jan Robert von Renesse, ein Richter vor Gericht. Wie konnte es dazu kommen?

Die Geschichte beginnt vor zehn Jahren. Im Juli 2006 öffnet Renesse seine erste so genannte Ghetto-Renten-Akte. Vier Jahre zuvor hatte der Bundestag einstimmig das Gesetz zur "Zahlbarmachung von Renten aus Beschäftigungen in einem Ghetto" verabschiedet. Holocaust-Überlebende, die während des Zweiten Weltkriegs in Ghettos gearbeitet hatten, konnten nun  einen Antrag auf eine Arbeitsrente stellen. Etwa 88.000 Anträge gingen daraufhin bei der Rentenkasse ein, die meisten aus Israel und Amerika. 93 Prozent davon  wurden abgelehnt, da sie den Voraussetzungen nicht genügten. 

In der Folge klagten viele Überlebende gegen die Entscheidung der Rentenkasse – und einige Fälle landeten auf dem Tisch von Jan Robert von Renesse, damals 39 Jahre alt, Richter am Landesozialgericht NRW in Essen. Ein Mann mit hervorragenden Beurteilungen und der Aussicht auf eine große Justizkarriere.

Sein erster Ghetto-Renten-Fall geht Renesse ans Herz. "Ich kenne diese Akte noch heute auswendig", sagt er. Er findet darin handgeschriebene Briefe auf Russisch. Renesses Großmutter stammte aus Sankt Petersburg, sie brachte ihm einst ihre Sprache bei. "Die Klägerin war eine spät nach Israel ausgesiedelte Witwe mit einer ganz kleinen Rente. Sie schrieb von sich und ihrem Mann, die im Ghetto gehungert hatten und bat nur darum, dass Deutschland jetzt etwas für sie tun möge."

Doch Deutschland tat erst einmal gar nichts, außer den Betroffenen komplizierte, ausschließlich auf Deutsch verfasste Fragebögen zuzusenden. Die Holocaust-Überlebenden sollten ihre genaue Tätigkeit und die Arbeitsstelle benennen, Arbeitszeiten angeben, die Namen von Vorgesetzten. Nach mehr als 60 Jahren.

Renesses Frau ist Polin, ihr Großvater wurde im KZ Stutthof ermordet, ihr Vater als Zwangsarbeiter nach Magdeburg verschleppt. Als er vor 15 Jahren eine Zwangsarbeiterentschädigung aus Deutschland bekam, war der alte Mann sehr bewegt. Endlich war er als Opfer offiziell anerkannt worden. Renesse weiß um die große Bedeutung dieser Fälle. "Was, wenn mein Schwiegervater so ein Schreiben bekommen hätte, in dem quasi steht: 'Wir glauben dir erst mal gar nichts'." Renesse sagt auch, dass man natürlich nicht alles unbesehen glauben dürfe, "aber man muss doch mit den Menschen reden und sich nicht auf irgendein Formular verlassen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 4.8.2016.

Kurt Einhorn aus Düsseldorf hätte die Formulare am liebsten zerrissen. "Als hätte ich damals Tagebuch geführt! Ich wusste nicht einmal, ob ich am nächsten Tag noch leben würde!" Im Herbst 1941 wurde der Neunjährige mit seinen Eltern in das Ghetto Mogilew in Transnistrien verschleppt. Bald starben die Eltern an Typhus. Kurt überlebte und um nicht zu verhungern, fuhr der Junge mit einer Schubkarre Leichen zum Friedhof. Der Lohn war ein bisschen Essen.

Für diese Arbeit hätte er theoretisch Anspruch auf eine Ghettorente. Doch auch  ihm blieb sie zunächst versagt. Denn das Gesetz aus dem Jahr 2002 besagt, dass man beweisen muss, freiwillig im Ghetto gearbeitet und dafür ein Entgelt bekommen zu haben. Einige zogen vor Gericht, doch in Nordrhein-Westfalen hatten sie kaum eine Chance. Die Richter gaben gewöhnlich den Rentenversicherungen recht. Auch sie kommunizierten mit den Betroffenen lediglich mittels Formularen. Jan Robert von Renesse hielt es anders.

Gleich beim ersten Fall macht er etwas, was an seinem Gericht völlig unüblich ist: Er will die Russin persönlich anhören. Achtmal reist er insgesamt nach Israel, lässt sich von 120 Holocaust-Überlebenden den Ghettoalltag schildern. Er beauftragt Historiker, Gutachten zu erstellen. Am Ende sieht Renesse in etwa 60 Prozent der Fälle das Anrecht auf eine Ghettorente begründet. Und schert damit eklatant aus der Spruchpraxis seiner Kollegen aus, die fast 90 Prozent der Klagen abweisen.