Die Straße von Schladming auf das Ramsauer Hochplateau ist kurvig und steil. Sie führt durch einen dichten Nadelwald, den der Sommer in sattes Grün taucht. Es ist die Heimstrecke von Jörg Steiner. Der 35-jährige Unternehmer schaltet einen Gang tiefer, tritt aufs Gaspedal des schwarzen Mercedes SUV und beschleunigt. "Hier oben ist man mit Gott und der Welt verwandt", sagt der Lodenfabrikant. Die isolierte Lage habe so manche historische Eigenheit mit sich gebracht, etwa, dass seit dem 18. Jahrhundert 80 Prozent der Einwohner protestantisch sind. Hier oben ändern sich die Dinge nicht so schnell. Auch Steiners Lodenwalke gehört zum festen Inventar der Region, seit fast 600 Jahren.

Trotz der bubenhaften Gesichtszüge wirkt Jörg Steiner wie ein robuster Kerl. Die dunklen Haare sind lässig nach hinten gekämmt. Rund um den Mund sprießen die Barthaare. Am linken Unterarm lugt unter dem Hemd eine Tätowierung hervor – ein Mischwesen aus Dürers Feldhasen und einem bayerischen Wolpertinger. Seine Frau, eine passionierte Jägerin, habe er damit ärgern wollen, sagt Steiner und lacht. Sein Dialekt klingt weich und dennoch bestimmt.

Geht es um das Walken des Lodens, spricht er vom "Woik’n". Die Familie Steiner hat eine lange Tradition in der Lodenverarbeitung. Im Jahr 1434 wird die Lodenwalke das erste Mal urkundlich erwähnt und ist damit der älteste Gewerbebetrieb der Steiermark. Rund um das Jahr 1700 sei die Lodenwalke in den Familienbesitz gekommen, erzählt Steiner. In der wievielten Generation er das Unternehmen heute führt, weiß er nicht. Doch auf die Geschichte der Firma ist er stolz. Juveniler Esprit und die Ruhe des Chefs eines Traditionsbetriebs sprechen abwechselnd aus ihm.

Vor zehn Jahren hat Jörg Steiner die Lodenwalke Ramsau am Dachstein vom Vater übernommen. "Eigentlich hätte im Unternehmen alles so weiterlaufen können, wie es immer war", sagt Steiner, "aber das wäre halt fad gewesen." Der Mittzwanziger wollte den Werkstoff Loden zeitgemäß einsetzen und gründete die Zweitmarke LWS. Blitzblaue Sportjacken mit giftgrünen Reißverschlüssen, Kapuzenjacken und Shorts aus Loden ergänzen seitdem das Sortiment der klassischen Ware im Trachtenstil. Steiner hat damit einen Nerv getroffen. Die Absätze seien gestiegen, sagt er – Umsatzzahlen will er aber keine nennen. Rund 30 Tonnen Schafwolle werden jährlich verarbeitet. Auf Zwischenhändler verzichtet man. Abseits des Fabrikverkaufs und des Onlineshops gibt es die Produkte nirgendwo zu kaufen. "Wir beliefern kein einziges Geschäft – Marketingleute wollen mir oft nicht glauben, dass das möglich ist", sagt Steiner, und ein wenig blitzt die Genugtuung in seinem Gesicht auf.

Das pittoreske historische Betriebsgebäude der Lodenwalke mit altem Holzschindeldach steht dicht am Hang in einer Geländefurche, wo sich der Ramsaubach in die abfallende Kante des Plateaus einschneidet. Zwischen Haus und Bach liegt nur die Straße. Hochwässer seien über die Jahrhunderte immer ein großes Thema gewesen, sagt Steiner. Eine 200 Jahre alte Bügelpresse, die heute noch in Betrieb ist, sei im Lauf der Zeit bereits zweimal vom Hochwasser mitgerissen, aber immer wieder gerettet und technisch verbessert worden, erzählt er und deutet mit dem Finger aus dem Autofenster in Richtung Bachbett.

Mit viel Schwung nimmt Steiner die letzte Abzweigung zur Betriebsstätte. 25 Angestellte produzieren hier Loden und entwerfen Kleidung – geschneidert wird in der Nähe von Graz. Der Großvater Richard Steiner, ein in der Region zur Legende gewordener 14-facher Europameister im Eisstockweitschießen, hat die Produktion in den dreißiger Jahren weiter hangaufwärts verlegt. Hier spielt das Hochwasser keine Rolle.

In den Sommermonaten steht hier oft ein Bus neben dem anderen auf dem großen Parkplatz vor den Betriebsgebäuden, vor allem bei Schlechtwetter. "Dann heißt es im Volksmund, dass Lodenwalkwetter ist", sagt Steiner, "bei Schlechtwetter kann man in der Region sonst nicht viel anderes machen." Waren es früher die Bauern, die im angeschlossenen Gasthaus gewartet haben, bis ihre Stoffe gewalkt waren, so sind es mittlerweile 100.000 Besucher im Jahr, die hierherkommen, die Produktionsstätten bei laufendem Betrieb besichtigen und einkaufen.

Wenn Steiner über seine Loden spricht, tut er das konzentriert und ernst. Das richtige Mischen von kurzen und langen Wollfasern, die in warmem Wasser mit Seife gewalkt und dadurch verfilzt werden, sei eine kleine Wissenschaft. Es erfolgt nach uralten Rezepturen, erklärt er. Die Qualität seines Lodens ist bekannt, und immer wieder fragen namhafte Kleiderhersteller an, die ihn verarbeiten wollen. Allein: "Ich gebe ihn nicht her", sagt Steiner. Große Designer, die die ganze Welt kennt, hätten bereits angefragt. Doch er brauche den Loden für die eigenen Produkte. "Ich weiß, dass ich in einer glücklichen Lage bin, und hoffe, dass das so bleibt."