Wer als Fremder durch die St.-Annen-Straße in Lübecks Altstadt geht, bemerkt womöglich gar nicht, dass er am Haus Nr. 13 die jüdische Synagoge passiert. Unscheinbar sieht sie aus, für ein Verwaltungsgebäude könnte man sie halten – stünde da nicht rund um die Uhr der Container der mobilen Polizeiwache im Vorgarten.

Die Lübecker Synagoge war eine der wenigen, die in der Reichspogromnacht 1938 nicht in Flammen aufgingen. Zwar klirrten Fensterscheiben, aber wegen der dichten Bebauung in der Altstadt brannte kein Dachstuhl. Auf perfide Art, so empfinden es die Lübecker Juden, sei ihre Synagoge gleichwohl geschändet worden.

Denn die prachtvolle Erscheinung des Gotteshauses, die den Nazis ein Dorn im Auge war, existiert nicht mehr. Die Synagoge hatte eine Fassade im maurisch-byzantinischen Stil, das Dach krönte eine große Kuppel. Als sie im Juni 1880 eingeweiht wurde, nahm der gesamte Lübecker Senat teil.

Dieses Prunkstück jüdischen Stolzes sollte verschwinden. Nach Plänen ausgerechnet des obersten Denkmalpflegers der Stadt wurde die Synagoge zwischen 1939 und 1941 "zurückgebaut" und in eine Sporthalle umgewandelt. Die Kuppel wurde abgenommen, die maurische Fassade durch schlichte Backsteine ersetzt. So, bis zur Unkenntlichkeit "zurückgebaut", steht sie heute noch da.

Sogar zwei Anschläge in den neunziger Jahren überstand sie. Im März 1994 warfen unbekannte Täter einen Molotowcocktail in die Synagoge, er richtete jedoch kaum Schaden an. Es war der erste Brandanschlag in Deutschland auf eine Synagoge seit der Pogromnacht 1938. Ein zweiter Brandanschlag 1995 verfehlte gleichfalls sein Ziel.

Jüdisches Leben war nach dem Krieg lange Zeit aus der Lübecker Synagoge verschwunden, der Bau gammelte vor sich hin. Die Gemeinde war stark dezimiert. Die meisten Lübecker Juden hatten die Nazizeit nicht überlebt oder waren ausgewandert.

Neues Leben entfaltete sich erst wieder in den neunziger Jahren, als viele Juden aus der früheren Sowjetunion und anderen osteuropäischen Staaten nach Lübeck kamen. Der Gemeindevorsitzende Alexander Olschanski stammt aus Odessa. In Osteuropa, erzählt er, hatte sich herumgesprochen, dass es in Deutschland viele verwaiste jüdische Gemeinden gebe. Inzwischen hat die Lübecker Gemeinde 730 überwiegend russische Mitglieder. Es ist eine arme Gemeinde. Die meisten ihrer Mitglieder haben studiert, doch nur wenige fanden Arbeit. Olschanski ist Bauingenieur von Beruf – und lebt von Sozialhilfe: "Mein Diplom wurde nicht anerkannt."

Die Lübecker Synagoge "ist die erste Synagoge in meinem Leben", erzählt er. In der Sowjetunion seien die meisten jüdischen Gotteshäuser geschlossen oder zu "Clubs" umfunktioniert worden. "Erst hier in Lübeck bin ich zu meinen Wurzeln gekommen!"

Die Synagoge jedoch war im Lauf der Jahre verfallen, die Gemeinde hatte kein Geld, sie zu sanieren. Das Gemeindeleben spielt sich schon lange nur noch im benachbarten Wohn- und Bürohaus ab. Ihre religiösen Feste feiern die Lübecker Juden im kleinen Keller des Hauses. Der Gebetsraum dort sei viel zu eng, sagt Olschanski, und die Fenster müssten aus Sicherheitsgründen ständig geschlossen bleiben. Beim letzten Pessachfest sei eine Frau in der stickigen Enge des Kellers bewusstlos zusammengesackt.