Der Ort, an dem Mohammed Hanif einmal Gerechtigkeit finden könnte, liegt 7.346 Kilometer von seinem Zuhause entfernt, in einem wuchtigen Bau mit breiter Treppe und steinernen Adlern über der Tür. Man spricht an diesem Ort eine Sprache, die er nicht versteht. Man schreibt in einer Schrift, die er nicht lesen kann. Man beruft sich auf ein Gesetz, das er nicht kennt.

Dieser Ort ist das Landgericht Dortmund. Dort will Mohammed Hanif, Textilarbeiter aus Pakistan, sein Recht einklagen. Dort will er von dem Tag erzählen, der ihm seine Gesundheit nahm – und 260 Menschen das Leben.

Die Richter am Landgericht sollen entscheiden, ob das, was Mohammed Hanif widerfuhr, ein unglücklicher Zufall war oder eine vorhersehbare Katastrophe. Ob der Schuldige in der Islamischen Republik Pakistan sitzt oder in der Bundesrepublik Deutschland.

An jenem Tag, am 11. September 2012, einem Dienstag, war der Himmel blau, vom Hafen her wehte ein milder Wind. Wie jeden Morgen war Hanifs Heimat Karatschi, die wuchernde 20-Millionen-Stadt im Südosten Pakistans, unter dem Hupen und Tosen der bunt bemalten Lastwagen erwacht, die sich in zähem Fluss durch die Straßen schieben. Wie jeden Morgen war Mohammed Hanif gegen acht Uhr aufgestanden und zur Fabrik gelaufen, auf einer holprigen, ungeteerten Straße, vorbei an den Wellblechhütten seiner Nachbarn, an trockenen Palmen und stinkenden Müllbergen, an Rikschas und Eselskarren.

Er huschte durch das stählerne Fabriktor, wo der Wachmann in seinem Häuschen saß, die Treppe hinauf in den ersten Stock, in die Nähabteilung. Er schaltete seine Nähmaschine an und tat, was er seit Jahren tat: Er nähte Hosentaschen auf. Strich derben Jeansstoff auf dem Werktisch glatt, schob ihn unter die Maschine und jagte die Nadel hindurch, bis die Taschen fest und flach auf jeder Hose saßen.

Abends um halb sieben, so erzählt es Mohammed Hanif, bricht Feuer in der Fabrik aus. Hanif riecht Rauch. Er spürt die Hitze. Er hört es knallen, einmal, zweimal, dreimal, hört Kollegen schreien, im unteren Stockwerk: Feuer! Feuer! Feuer! Er sieht Flammen, die aus den Fenstern züngeln.

Das war vor vier Jahren. Hanifs Körper erinnert ihn bis heute an diesen Tag: Wenn er Treppen steigt, schnappt er nach Luft, in der Lunge spürt er Stiche, seine Finger schmerzen, Spätfolgen der Rauchvergiftung.

Das Haus, in dem Hanif mit seiner Frau und seinen Eltern lebt, liegt in Baldia Town, einem Industriegebiet im Westen Karatschis. Vom Dach aus kann man über das Viertel blicken: ein endloses Meer aus Hütten, Fabriken und Lagerhallen. Kaum einer wohnt hier, der damals nicht einen Sohn oder eine Tochter in den Flammen verlor, einen Freund oder einen Nachbarn. Viele Näher hatten damals weniger Glück als Hanif.