Eine Kombination aus sieben Buchstaben und vier Ziffern ist schuld daran, dass ich, kaum volljährig, den Motorradführerschein gemacht habe: KTM LC4 620 SC. Eine Maschine, die in ihrer Form an ein langbeiniges Insekt erinnert, grazil und dabei kraftvoll, der Rücken knallorange. Die KTM LC4 620 SC ist eine sogenannte Enduro, wer auf ihr sitzt, fährt durch Schlamm, springt über Hindernisse, rast Abhänge hinunter. Das Kürzel SC steht für Supercompetition. Mein damaliger Freund besaß so eine KTM, noch heute nennt er sie eine "Maschine für Götter". Klar, dass auch ich auf diesem knallorangen Rücken sitzen wollte.

Damals, Mitte der 2000er, wusste ich nicht, dass KTM ein österreichisches Unternehmen ist. Anfang der neunziger Jahre wurde die Firma insolvent, wurde verkauft, ein paar Jahre später ging es langsam wieder aufwärts, 1996 notierte KTM an der Wiener Börse, Muttergesellschaft ist die Cross Industries AG. Bei der Rallye Dakar 2001 saß der Sieger auf einer KTM, seitdem ist jeder Sieger mit einer Maschine der Österreicher gefahren. KTM ist damit die erfolgreichste Motorradmarke des Wettbewerbs. Offroad läuft es für KTM seit Jahren ziemlich gut. Jetzt will das Unternehmen auch die Straßen erobern.

Die Fahrstunden machte ich auf einer BMW. Jahrzehntelang war BMW der größte Motorradhersteller Europas. KTM aber hat aufgeholt: Im vergangenen Jahr verkaufte das österreichische Unternehmen mehr als 150.000 Zweiräder, BMW Motorrad kam auf knapp 137.000. 2015 setzte KTM eine Milliarde Euro um, 18 Prozent mehr als 2014. Wenn KTM-Chef Stefan Pierer sagt, dass sein Unternehmen noch immer ein "Nischenanbieter" sei, kokettiert er. Immerhin fügt er hinzu: "In ausgeprägten Nischen sind wir schon ganz vorne."

Stefan Pierer ist seit 25 Jahren Geschäftsführer von KTM, seit seiner Jugend fährt er Motorrad, und wenn er fährt, fährt er im Gelände. Neben seinem Haus ist ein altes Panzerübungsgelände, das hat er gepachtet, freitags darf er dort zwischen 16 und 19 Uhr durch den Schlamm heizen. Dass es nur drei Stunden sind, liegt an österreichischen Vorschriften. Da das Interview an einem Dienstag und der Treffpunkt das KTM-Büro in Wien ist, hat sich Pierer stadtfein gemacht, er trägt Anzug und ein gestreiftes Hemd. Der Mann, der ein bisschen aussieht wie Frank Elstner ohne Brille, sitzt auf futuristisch weißem Mobiliar, um ihn herum futuristisch weiße Bürotrennwände. Nirgends das typische KTM-Orange. Der Markenton hat übrigens mit BMW zu tun: Auf der IAA 1991 hatte BMW eine Elektrostudie in Orange ausgestellt, ein KTM-Designer sah das, und weil Orange eine noch unbesetzte Motorradfarbe war (Nicht-Motorradfahrern sei gesagt: Es gibt das Kawasaki-Grün, das Yamaha-Blau, das Honda-Rot), mixte er ein wenig rum, fertig war der Wiedererkennungseffekt.

Pierer ist vom Typ her wie die Maschinen, die KTM verkauft: Er weiß, wie man Lärm macht. Der Duktus: Ich erklär Ihnen mal die Welt. Wenn Pierer von seinem Dasein als Unternehmer erzählt, scheint alles trial and error zu sein. Bevor er zu KTM kam, hat Pierer kleinere Unternehmen aufgekauft, saniert und wieder verkauft. 1992 übernahm er das insolvente Unternehmen KTM, das zu dieser Zeit 160 Mitarbeiter beschäftigte und gerade mal 6800 Motorräder verkaufte, im Jahr. Mit der Zeit stiegen die Zahlen – aber dieses Mal verkaufte Pierer nicht.

Die österreichischen Medien ernannten ihn dafür schon zum "Mann des Jahres", er wird zu den 50 einflussreichsten Managern des Landes gezählt. Wenn er nicht gerade Um- und Absatzzahlen optimiert, hält Pierer Vorträge vor Managern oder Studenten, um zu erzählen, wie das geht mit dem Erfolg. "Als Unternehmer bewegt man sich wie im Sturm auf See. Doch wenn man richtig navigiert, kann man Chancen daraus ziehen", das ist einer seiner Sätze. Pierer spricht gerne in Bildern.