Ein metallenes Rohr spuckt sie aus. Fünf, sechs, sieben Küken auf einmal, ohne Pause. Sie landen auf dem Rücken, auf dem Bauch, aufeinander. Sie strampeln und piepsen, flattern mit kümmerlichen Flügelstummeln, klettern aufeinander, suchen Platz. Fleißige Hände greifen sie. Heben sie hoch. Drücken sie im Akkord. Gucken unter grellen Lampen nach dem Geschlecht. Werfen sie nach links, auf ein Fließband in Richtung Impfung – oder nach rechts auf ein anderes in Richtung Tod. In die Messer. Klebrig, zerfetzt türmen sie sich. Hier und da ein Flügelzucken. Hier und da ein Beinchen, das ins Leere tritt. So endet jedes Jahr das Leben von Millionen von Küken, kurz nachdem sie geschlüpft sind.

Die Szene stammt aus einem Video. Immer wieder stellen Tierschützer solche Aufnahmen ins Internet und zeigen Brütereien wegen der qualvollen Selektion bei der Aufzucht von Legehennen an. Immer wieder scheitern sie damit, denn das Töten ist legal. 50 Millionen männliche Küken werden jährlich geschreddert oder vergast. Ihre Aufzucht lohnt nicht, weil sie keine Eier legen. Als Fleischlieferant scheiden sie aus, weil ihre Rasse auf effizientes Legen gezüchtet wurde. Die Hähne sind allenfalls als Tierfutter zu gebrauchen.

Schon bald soll das Geschlecht noch im Ei bestimmt werden, durch einen Test am wenige Tage alten Embryo. Dann dürfte hierzulande kein geschlüpftes Küken mehr getötet werden. Bereits Ende dieses Jahres könnten die ersten dieser fairen Eier auf den Markt gelangen, bis 2017 soll die neue Technik das Kükenschreddern in Deutschland vollständig beenden. So verkündete es im März vergangenen Jahres Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU), der das Projekt mit 1,1 Millionen Euro fördert. Doch daraus wird nichts: Die Technik wird nicht rechtzeitig fertig.

In einem kleinen Industriepark nördlich von Dresden entsteht die neue Technik. Labore, Büros und Werkstätten reihen sich aneinander, hier bauen die Ingenieure des Unternehmens Evonta den Prototyp: den In-ovo-Geschlechtsbestimmer. "Der Apparat soll am Ende das können, was zehn Jahre lang in zahlreichen Versuchen und Labortests entwickelt wurde: die Geschlechtsbestimmung in vier Schritten", sagt Sven Meissner. Zusammen mit seinem Kollegen Björn Fischer hat er Evonta gegründet. Beide kennen sich aus der Uni. Seit 2009 entwickeln sie gemeinsam Sondermaschinen für die Landwirtschaft.

Die Geschlechtsbestimmung funktioniert so: Drei Tage alte Eier werden auf Bändern in einen Stahlkasten gefahren. Ein Laserstrahl fegt über sie hinweg. Rasend schnell brennt er Kreise auf die Eispitzen. Gellend weiße Funken fliegen. Es stinkt nach verbranntem Haar. Dann muss die Schalendecke abgenommen werden, um mit einem Spektroskop Licht in die Öffnung schießen zu können. Durch die Analyse des an den Blutzellen gestreuten Lichtes kann das Geschlecht bestimmt werden. Dann muss das Ei wieder verschlossen werden.

Das Problem: Bisher gibt es nur den Kasten mit dem Laser. Das Aufschneiden der Eier funktioniert, für die verbleibenden drei Schritte müssen die Maschinen aber noch gebaut werden. Im Sommer 2017 wollen die Ingenieure den vollständigen Prototyp präsentieren. Bis zur Serienproduktion dauert es dann noch mindestens zwei weitere Jahre.

Der Zeitdruck ist enorm. Nicht nur wegen der politischen Vorgabe des Ministers – auch das niederländische Start-up In Ovo aus Leiden arbeitet an einer alternativen Methode zur Geschlechtsbestimmung im Ei. Die dortigen Forscher hoffen, schon Anfang 2018 auf dem Markt sein zu können.

Die Niederländer wollen mit einer kleinen Nadel Flüssigkeit aus der Harnblase des Eis entnehmen und auf einen Biomarker hin untersuchen. "Klappt die Probeentnahme, können wir mit über 95-prozentiger Sicherheit das Geschlecht bestimmen, in Zukunft bis zu 99 Prozent genau", sagt Wouter Bruins von In Ovo. Noch aber fehlt der Praxistest in Großbrütereien, dann erst können verlässliche Aussagen zu den Gesamtkosten gemacht werden. "Wir haben schon Kontakte zur deutschen Industrie geknüpft, das Interesse an unserer Technik ist groß", sagt Bruins enthusiastisch. "Wir haben die Nase vorn im Rennen um die Zukunftstechnik."