Für manche fängt der Sommer an, wenn es nach Sonnenmilch duftet. Für andere, wenn ihr Kneipenwirt die Gartenstühle rausstellt. Mein Sommer beginnt mit einem Zippen. So klingt es, wenn ich an meiner Trekkinghose die beiden Reißverschlüsse über jedem Knie aufziehe und die Beinteile abtrenne. Frische Luft strömt dann meine Waden hoch; die Saison der Shorts hat begonnen. Von nun an bis etwa November bin ich unten ohne.

Warum? Ganz einfach, weil es bei Wärme im langen Beinkleid zu stickig wird. Ob am Schreibtisch, beim Wandern oder im Auto, schon nach ein paar Minuten pappt der Stoff an den Schenkeln. Ich möchte mir nicht die schweißverklebte Hose aus den Kniekehlen pellen, wenn es so viel angenehmer geht. Shorts geben mir das Gefühl der Freiheit, der Ursprünglichkeit, der Weltoffenheit. Sie vermitteln eine Aura der Leichtigkeit, ein Über-den-Dingen-Schweben, einen Hauch von Abenteuer. Kurz: Kurze Hosen machen glücklich. Frauen muss man das nicht erklären. Die tragen ihre Röcke ja nicht nur, weil es sexy aussieht, sondern auch, weil es sich gut anfühlt. Dieses Gefühl möchte ich als Mann genießen dürfen!

Allerdings versuchen seit Jahrzehnten schöngeistige Journalisten, mir mein Shorts-Feeling zu vermiesen. Die selbst ernannten Stilpäpste behaupten naserümpfend, des Mannes Bein zu entblößen sei unschicklich, ein modisches No-Go. Der Shortsträger wird als unzivilisierter Klamotten-Orang-Utan hingestellt, kaum besser als farbenblinde Hawaiihemd-Kasper oder Schluffis in Joggingklamotten, die auf der Fernsehcouch ihr Frühstücksbierchen zischen.

Dem liegt ein fataler Denkfehler zugrunde: Nur weil schöne Kleidung manchmal unbequem ist, ist bequeme nicht per se hässlich. Ob eine Hose gut sitzt, ob die Farbe mir steht, hat wenig mit der Länge zu tun. Natürlich gibt es auch alberne Shorts; ich komme noch darauf. Aber wenn man den Shorts-Verächtern zuhört, dann merkt man bald: Sie grausen sich gar nicht vor der Hose, sondern vor dem, was darin steckt – dem männlichen Bein.

Frauenknie, immer gern gesehen, aber wir sollen unsere Knie verstecken? Das ist Sexismus. Autosexismus, genauer gesagt, weil meistens ja Männer das fordern, im vermeintlichen Interesse der Frau. Ist der Anblick wirklich so unzumutbar? Ich habe meine Frau gefragt, die ist Meisterin der Etikette. Ihr Urteil: "Deutsche Männer in Shorts mit ihren käsigen Beinen in weißen Socken und Sandalen sind das Grauen!" Sie hat natürlich recht, allein schon, weil meine Frau immer recht hat. Aber käsige Beine müssen ja nicht sein. Denn für meine muskulösen braun-bronzenen Beine in Shorts hat sie schon etwas übrig. "Wenn dein Bauch so aussähe wie deine Beine, würde mich das noch glücklicher machen!" Ich finde, man muss Prioritäten setzen, ich persönlich trage mein Sixpack eben am Unterschenkel.

Das Problem in Deutschland ist, dass zu wenig Shorts getragen werden. So kann ja kein Sonnenlicht ans Bein kommen. Und wenn dann im Sommerurlaub die Shorts ausgepackt werden, sieht das eben leicht nach Magerquark aus. Man sollte darum besser schon im Frühjahr freizeitmäßig bei jeder Gelegenheit kurze Hosen tragen. Dann haben die Beine, wenn es heiß wird, genau die richtige Färbung.

Generationen der Shorts-Entwöhnung haben den Blick vieler Männer auf dieses schöne und zweckmäßige Kleidungsstück getrübt. Sie betrachten es als eine mutwillig verstümmelte Langhose, dabei verhält es sich historisch genau umgekehrt. Alle Hochkulturen von Ägyptern über die Maya bis zum Zweistromland zeigten Knie in einem Art Röckchen, auch Griechen und Römer trugen gern kurz. Trachten kommen ebenfalls meist ohne lange Hosenbeine aus. Ob Schottenrock oder bayerische Krachlederne: Stramme Waden erfüllten einmal ihre Besitzer mit Stolz.