Wie man sich damals gefreut hat, als soziale Onlinenetzwerke neu waren: Jetzt müssen wir nicht mehr mit den langweiligen Nachbarn reden, sondern finden Freunde auf dem ganzen Planeten, von Feuerland bis Sibirien! Naiv: Die Welt war natürlich zu groß, und will man wirklich mit jedem reden, der in ihr lebt? Die digitale Welt als globales Dorf, der Traum scheint erst mal geplatzt zu sein. Deshalb geht der Trend im Internet zurück zum normalen Dorf. Lokale Netzwerke erobern die Smartphones und Bildschirme. Apps wie Jodel, Facebook-Gruppen wie Nett-Werk oder Webseiten wie nebenan.de bieten die Möglichkeit, die Leute besser kennenzulernen, die sowieso dauernd um einen herumschwirren: Menschen aus der eigenen Stadt, manchmal auch nur aus der eigenen Nachbarschaft. Wir haben die digitale Kommunikation im urbanen Nahbereich getestet. Welche Hamburger trifft man dort? Wo liegt der Reiz der Angebote? Was erfährt man dabei über die Stadt? Und: Braucht man die neuen Netzwerke wirklich?

Jodel

Selbstbeschreibung: "The buzz on your campus", übersetzt heißt das so viel wie: "Was gerade bei dir auf dem Campus abgeht".

Wie funktioniert das Netzwerk? Jodel ist eine minimalistische App, die sich vor allem an Studenten richtet. Nutzer müssen sich nicht anmelden, sondern können sofort anonym Beiträge posten und kommentieren. Die Besonderheit: Obwohl die App in ganz Deutschland verfügbar ist, werden nur Postings von Nutzern im Umkreis von zehn Kilometern angezeigt.

Nutzerzahl: Im Oktober 2015 hatte Jodel eine Million Nutzer, aktuellere Zahlen gibt das Unternehmen nicht bekannt. Wie viele Nutzer in Hamburg aktiv sind, lässt sich nicht sagen – ein Blick in die App zeigt aber, dass ganz schön was los ist. Alle paar Minuten ein neuer Beitrag.

Welche Hamburger trifft man dort? Studenten und Leute, die gerne noch Studenten wären. Fachrichtung: mutmaßlich eher BWL und Maschinenbau. Zumindest deuten die vielen Zoten-Postings daraufhin ("Die perfekte Freundin ist wie meine Zewa-Küchenrolle: sanft, saugstark und immer verfügbar").

Was wird diskutiert? Wo es die besten Techno-Parties gibt; die Eigenarten der Hamburger Busfahrer (Hashtag #hvvracingteam).

Typischer Post: "Welche Unterlagen sollte man zu einer Wohnungsbesichtigung mitnehmen?"; "Wer ist noch eben erst aufgewacht?".

Das erfährt man über Hamburg: Die Studenten hier sind so verdorben wie früher die Hafenarbeiter. Humormäßig ist Luft nach oben.

Brauche ich das? Unbedingt. Was soll man sonst verkatert während der Vorlesung machen?

Nett-Werk Hamburg

Selbstbeschreibung: "Eine private Gruppe für NETTE Hamburger, die sich über lokale Belange austauschen, sich mit Tipps & Tricks für alle Lebenslagen helfen".

Wie funktioniert das Netzwerk? Es handelt sich um eine Gruppe von Facebook-Nutzern, die einander helfen wollen, weil im bösen Internet die Sehnsucht nach Nettigkeiten groß ist. Außerdem werden Möbel angeboten, die bei eBay-Kleinanzeigen keiner haben wollte.

Nutzerzahl: 17.390, laut Facebook.

Welche Hamburger trifft man dort? Das Logo ist eine Blumenwiese, auf der ein Hamburg-Schriftzug prangt. Also eher keine hochbezahlten Grafik-Designer aus Eimsbüttel. Die Mitglieder stammen aus einer flauschigen Parallelwelt, in der die kleinen Probleme zählen.

Was wird diskutiert? Der Post einer Frau, die berichtete, sie sei beim Spazierengehen einer Gestalt begegnet, die ein Vogelküken unsanft in einen Sack gestopft habe. Müsse sie Angst haben, dass das Tier nun in einer Pfanne ende?

Typischer Post: "Weiß jemand zufällig, warum der Lagerverkauf von Unilever in der Wendenstraße schließen musste? Bin eigentlich immer ganz gern hingegen :-(".

Das erfährt man über Hamburg: Hamburg ist eine Stadt, deren wenige NETTE Einwohner sich sehr eng zusammenkuscheln müssen.

Brauche ich das? Ja, wenn man die ältere Möbel-Höffner-Schrankwand loswerden will und zu geizig ist, sie bei "Free Your Stuff Hamburg" (23.800 Mitglieder) zu verschenken. Außerdem stellt sich ein beruhigender, fast meditativer Effekt ein, wenn man die Beiträge liest.