Nun erhält er also auch noch einen eigenen Platz. Einen Vorplatz, in Wabern bei Bern, ein Blätz Asphalt vor der Talstation der Gurtenbahn, um genau zu sein. Und genau, präzis, einfach, aber nie zu einfach, das war auch er, Hans Peter Matter, genannt: Mani.

80 Jahre alt wäre Mani Matter am 4. August geworden. In Wabern hat er gelebt, deshalb der Platz für ihn, dessen Lieder längst Volksgut sind, dessen Person längst Ikone, vereinnahmt von Politikern und Stadtvermarktern.

Alle lieben Mani, den Chansonnier. Aber Hans Peter Matter, den Juristen kennen nur wenige.

Sein Tod, 1972, im November, auf der Autobahn am linken Zürichseeufer, Höhe Kilchberg, nächtliches Schneetreiben, ein missglückter Spurwechsel, das Auto dreht sich. Er, auf dem Weg zu einem Auftritt in Rapperswil, auf der Stelle tot. Dieser Tod, Matter war erst 36, brannte sich einer Generation ins Gedächtnis. Fast wichtiger als sein Leben wurde er. Und immer wieder, wenn eine Biografie, ein Film, ein Text über ihn erscheint, die Frage: War es womöglich ein Selbstmord, damals auf der Autobahn? War es nicht. Es war ein Unfall. Eine Unaufmerksamkeit. Ein etwas zu langer Blick über die rechte Schulter.

Und es war vor allem: das Ende eines Manns, der viel mehr war als "dä, wo so Liedli macht". Das Ende eines jungen Familienvaters, eines Juristen, der "für Durchschnittsakademiker fast beleidigend hochbegabt" war, wie sein Freund Urs Frauchiger vor ein paar Jahren in einem Matter-Essay schrieb. Es war das Ende eines Lokalpolitikers – und eines staatspolitischen Denkers.

In den sechziger Jahren suchte die Schweiz nach ihrer Zukunft

Deshalb lohnt es sich, zu diesem 80. Geburtstag nicht nur Mani Matter zu hören und zu singen – nein, man sollte vor allem wieder mal Hans Peter Matter lesen.

Zum Beispiel jenen Aufsatz von 1966: Der Bürger und die demokratischen Institutionen, publiziert im Jahrbuch der Neuen Helvetischen Gesellschaft. Zwei Jahre zuvor hat Max Imboden, der Staatsrechtler aus Basel, sein Helvetisches Malaise veröffentlicht. Ein dünnes Büchlein von 42 Seiten, das sich über 20.000-mal verkauft. Imboden reklamiert darin den fehlenden Reformwillen, die politische Propaganda, die sinkende Wahl- und Stimmbeteiligung und die Dominanz der Verwaltung über Regierung und Parlament: "Dagegen zu handeln ist die politische Aufgabe unserer Zeit."

Die Zeit, das sind die sechziger Jahre. Das Jahrzehnt, in dem die Moderne endgültig in der Schweiz ankommt, und die Schweiz in ihr. Das Land, schreibt Imboden, befinde sich in einer "seltsamen Mittellage zwischen Zuversicht und nagendem Zweifel".

An der Expo 64, der Landesausstellung, zeigt es sich ebenso wehrhaft wie verspielt. Die Armee betoniert sich einen abwehrstarken Igel, während draußen die Heureka-Maschine von Jean Tinguely rumpelt. Es ist aber auch das Jahrzehnt, in dem die Mirage-Affäre das politische Establishment erschüttert. In dem die Überfremdung ebenso zum Thema wird wie der Umweltschutz und die fehlende Raumplanung. Kurzum, es sind Jahre, in denen die Schweiz nach ihrer Zukunft sucht.

Und Imboden, der freisinnige Kantonsrat in Basel-Stadt, der Uni-Rektor, schlägt vor, der Eidgenossenschaft ein neues Fundament zu gießen: Er will die Bundesverfassung total revidieren.