Selbstverständlich und immer einsatzbereit: Obwohl die Stimme unser ständiger Begleiter ist, schenken wir ihr kaum Beachtung. Richtig bewusst nehmen wir sie eigentlich erst dann wahr, wenn sie uns in einer Aufnahme überrascht. Höre ich mich wirklich so an?

Knapp 16.000 Wörter teilt der Mensch tagtäglich mit seiner Umwelt. Neben diesen verbalen Botschaften sendet der Körper über die Stimme ständig einen heimlichen Statusbericht, der aufmerksamen Zuhörern eine Menge verraten kann: Wie fit oder schlapp sind der Mensch und sein Sprechapparat? Funktioniert im Gehirn noch alles, wie es soll? Die Stimme gewährt immer einen Einblick in das Innere des Menschen.

Doch die meisten Signale werden einfach überhört. "Unsere Welt ist auf visuelle Aspekte ausgelegt", sagt Katrin Neumann. "Wenn jemand eine Narbe hat, fällt das allen sofort auf. Für die Stimme gibt es kaum ein Bewusstsein." Neumann ist leitende Ärztin für Phoniatrie und Pädaudiologie in der Bochumer Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Der Klang der Stimme bestimmt ihren Berufsalltag. Neumann führt das liebend gerne vor: Immer wieder verändert sie ihre Stimme, spricht mal hoch, mal tief. Sie formt ein sanftes A, dann ein scharfes. Vokale sind mal gedrückt, mal gehaucht. Wenn sie die Laute beschreibt, kann man sich tatsächlich ein schüchternes A vorstellen. Ihre Demonstration zeigt aber vor allem, aus welch reichhaltigem Repertoire an Stimmklängen der Mensch jederzeit schöpfen kann. Neumann hält die Stimme für chronisch unterschätzt. Vielleicht weil der Mensch nicht sieht, wie die Töne zwischen Kehlkopf und Mund entstehen.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Beim Ausatmen fließt ein stetiger Luftstrom von der Lunge durch den Kehlkopf in Richtung Mund. Wenn wir sprechen, legen sich im Kehlkopf die Stimmlippen aneinander und beginnen zu schwingen. Die Stimmbänder, über die typischerweise gesprochen wird, sind nur ein Teil der Stimmlippen. Sie werden durch die Stimmmuskeln gespannt, die ebenso wie eine bedeckende Schleimhaut zu den Stimmlippen zählen. Beim Sprechen öffnet die durchströmende Luft die Stimmlippen. Weil sie elastisch sind und die Druckverhältnisse im Kehlkopf es verlangen, beginnen sie sich aber bald wieder zu schließen. Immer schneller nähern sie sich an, am Ende klatschen sie gegeneinander. So zerteilen sie den Luftstrom und erzeugen daraus deutlich hörbare Schallwellen – unsere Stimme.

Der individuelle Stimmklang entsteht allerdings nicht im Kehlkopf, sondern im sogenannten Vokaltrakt. So heißt der Bereich über den Stimmlippen, der sich vom Rachen bis zu Mund und Nase erstreckt. Ein präzises Wissen über die Mechanik der Stimmbildung ist für Katrin Neumann eine unverzichtbare Grundlage, um mehr über ihre Patienten zu erfahren.

Bei einer verstopften Nase ist die Stimmveränderung offensichtlich, das Phänomen kennt jeder. Aber Neumann hört aus einer heiseren Stimme auch kleine Knötchen im Stimmapparat heraus oder einige wenige Gramm überschüssiger Schleimhaut, die das Schwingverhalten der Stimmlippen verändern. Die angestrengten Laute des Sprechers sind somit mehr als nur ein Symptom. Sie werden zum Diagnosewerkzeug. "Die Stimme ist oft ein Indikator für Krankheiten, auch für zugrunde liegende psychische Störungen", sagt Neumann.

Manchmal fällt erst durch die Stimmstörung auf, dass etwas schiefläuft im Leben der Patienten, in der Beziehung, der Familie oder im Beruf. Neumann erzählt von einem jungen Mädchen, etwa 14 Jahre alt, aber bereits Leistungsschwimmerin. Im Laufe der Zeit wurde der Erfolgsdruck so groß, dass er der Jugendlichen schließlich auf die Stimme schlug. Die Mädchenstimme verschwand, die Schwimmerin brachte nur noch röchelnde Laute und hohe Piepser hervor. Innerhalb einer Stunde schaffte es Neumann, die Mädchenstimme mit gezielten Stimmübungen wieder hervorzuholen. Danach konnte sich eine Psychotherapeutin dann der Ursache annehmen. "Solche psychischen oder psychogenen Stimmstörungen sehen wir in der Sprechstunde häufig", sagt Neumann. Viele Patienten, die zu ihr kommen, leiden unter einer Depression. Die typische Antriebslosigkeit der Krankheit spiegelt sich in der Sprechmelodie dieser Menschen: Depressive sprechen oft sehr monoton, "fast eingeebnet", sagt die Ärztin.