Der Schamane zündet ein Feuer an und inhaliert den aufsteigenden Rauch. Mit kehliger Stimme betet er zum Gott des Amazonaswaldes und legt seine Hand auf die Stirn eines jungen Athleten: Drean Kambeba, 19 Jahre alt, braucht Kraft für einen großen Auftritt. Der junge Bogenschütze soll das olympische Feuer durch die Straßen der Amazonas-Hauptstadt Manaus tragen. Das Feuer aus dem griechischen Hera-Tempel ist in den vergangenen 100 Tagen per Laufstaffel durch Brasilien getragen worden, gut 36.000 Kilometer wurden dabei zurückgelegt.

"Wir Indianer vom Volk der Kambeba kennen die Bedeutung des Feuers genau", sagt der Schamane. Er trägt eine Krone aus Holzstücken auf dem Kopf, seine Wangen sind mit Mustern aus roter Farbe bemalt. Seit Jahrtausenden sind das Feuermachen und das Beten alltägliche Pflichten eines geistlichen Kambeba-Oberhaupts. "Feuer ist für uns Medizin, weil wir aus verschiedenen Hölzern und Kräutern heilige Raucharten machen", erläutert er. "Wir heilen damit Entzündungen, Sehstörungen oder Kopfschmerzen. Die Kultur des Feuers stammt vom Anfang unserer Welt."

Drean Kambeba setzt auf die Kraft der Schamanen für seinen Fackellauf. © Thomas Fischermann für DIE ZEIT

Der Athlet Drean Kambeba ist der große Stolz des Schamanen und seines Stammes. Er ist eine sportliche Ausnahmeerscheinung, einer der besten Bogenschützen im Land. Entdeckt wurde er, als vor drei Jahren Scouts brasilianischer Sportverbände durch die Wälder am Rio Negro zogen. Sie fragten die Häuptlinge nach Talenten in olympischen Disziplinen. Die Idee ging zurück auf den Erfolg der Australierin Cathy Freeman, die zu den Aborigines gehört und 2000 in Sydney olympisches Gold über 400 Meter gewann. Wenn in Brasilien mehr als 300 verschiedene Urvölker leben, warum sollen sich da nicht talentierte Sportler finden lassen?

An einem Sonntagnachmittag steht Drean Kambeba an einer Straßenkreuzung in Manaus. Die Amazonassonne spiegelt sich in den goldfarbenen Olympiaringen seines Trikots, und der junge Indianer strahlt. Er hat die Olympia-Teilnahme verpasst – keiner der zwölf männlichen und weiblichen Bogenschützen, die von den Scouts in das olympische Dorf von Manaus eingeladen wurden, konnte sich qualifizieren. Seinen großen olympischen Moment erlebt er trotzdem: Drean darf das olympische Feuer 200 Meter weit durch die Straßen tragen. Als sich Drean schließlich, umgeben von Sicherheitsleuten und Journalisten, mit der Fackel auf den Weg macht, ist er für einen Moment ein Star. Entlang der Straße winken die Menschen. Eine Großbank, die das Programm "Indianer für Olympia" mitfinanzierte, hat Animateure engagiert, die übermütig tanzen.

Es ist ein besonderes Bild, denn gegen Indianer halten sich im Rest der brasilianischen Bevölkerung hartnäckig üble Vorurteile. Sie gelten als zurückgeblieben, unzuverlässig, manche sogar als kriminell. Als ein brasilianisches Magazin vor einigen Monaten über Drean Kambeba berichtete, schrieben die Reporter, sportliche Ambitionen gingen eigentlich "gegen die Natur" der Urvölker. Start bei Olympia? Da müssten die Indianer aber noch einiges von ihrer angeborenen Faulheit ablegen. Von dieser Einschätzung lassen sich die werten Kollegen nicht abbringen.

Es hat also Symbolkraft, dass Drean bei diesem Lauf mitmachen darf. Er ist in dieser Rolle nicht allein: Die Brasilianer haben unzählige Helden des Jugendsports, Volksvertreter aus gewaltgeschüttelten Favelas, Repräsentanten von Minderheiten die Fackel tragen lassen. Viele sahen daher im Fackellauf sogar das eigentliche olympische Event.

"2013 kamen die Talentsucher zu uns", erzählt Drean ein paar Tage später bei einem Besuch in seinem Heimatdorf. "Sie machten einen Wettbewerb, und ich war die Nummer eins." Wie ein Teenager aus der Großstadt spricht der 19-Jährige in kurzen, knappen Sätzen. Wenn er eine Pause macht, schaut er auf sein Handy.

Die Kambeba leben in einfachen Holzhäusern an einem weißen Strand am Rio Negro, dessen pechschwarzes Wasser einige Bootsstunden flussabwärts von Manaus in den Amazonas mündet. Sie jagen und fischen mit Pfeilen und Speeren nach Buntbarschen, aber einige arbeiten auch in der Stadt oder haben zumindest Verwandte dort. Einmal pro Woche legt ein Touristenschiff an. "Der Erfolg unseres Bogenschützen brachte einen Schub für das Geschäft", freut sich der Schamane.

In Brasilien ist der Fackellauf für viele Zuschauer das eigentliche olympische Event. © Thomas Fischermann für DIE ZEIT

"Es stärkt aber auch das Ansehen unserer Kultur, wenn Indianer mit Pfeil und Bogen bei Sportereignissen zu sehen sind. Da hätte schon seit 500 Jahren jemand drauf kommen können." Jahrhundertelang hätten Missionare und weiße Siedler die Kultur der Eingeborenen verachtet, da sei vieles verloren gegangen.

Es ist noch ein weiter Weg von Drean Kambeba zu mehr Wertschätzung indigener Kulturen allgemein. "Die können gar nichts", urteilt etwa der Cheftrainer der brasilianischen Bogenschützen. Sein Job sei es gewesen, Drean seine amateurhaften Flausen auszutreiben, was offenbar nicht einfach war.

"Der Indianer schießt nach links, rechts, oben und unten, um irgendwas zu treffen. Ohne jede Präzision." Im Leistungssport komme es auf die Wiederholbarkeit an. Jedes Mal die gleiche Bewegung und Positur. Der junge Mann, sagt der selbstgewisse Trainer, habe eine großartige physische Kondition, aber die verpasste Qualifikation für Olympia solle ihm eine Lehre sein.

Kambeba ist eine sportliche Ausnahmeerscheinung und gilt als einer der besten Bogenschützen in ganz Brasilien. © Thomas Fischermann für DIE ZEIT

Drean hat jetzt eine Freundin im Athletendorf. Pfeil und Bogen haben ihn nicht zu Olympia, aber fest in die Großstadtwelt der Weißen gebracht. Er spielt nun in den Werbespots seines Sponsors mit, der ihn gerne groß, geheimnisvoll und mystisch präsentiert. Drean, befanden brasilianische Journalisten kürzlich, klinge doch so ähnlich wie dream. Ein Geschenk fürs Marketing! Und dann der Name Iagoara, wie der junge Mann in der Stammessprache heißt. Das bedeute sicher "Jäger des Waldes"!

Der junge Bogenschütze lacht über die Fantasie der Weißen. "Die Leute wissen noch immer so wenig über unsere Kultur", sagt er. Sie stellten sich alles Mögliche vor. "Iagoara?" In Wahrheit heiße das übersetzt bloß: der kleine Hund!

Mitarbeit: Davilson Brasileiro